Wachstumsrücknahme

Einige Grundlagen...

Eine Einführung

Nicholas Georgescu-Roegen nach Jacques Grinevald und Ivo Rens
Entstehungsgeschichte


Warum brauchen wir Wachstumsrücknahme? Gedanken und Ideen als Argumentationsbasis.

"Nachhaltiges Wachstum" oder Alternativen zum Wachstum? von Fabian Scheidler
Umker zu einer Politik der Wachstumsrücknahme von Vincent Cheynet


Über die Werbung, Pfeiler der Wachstumsgesellschaft

"Warum nennen wir uns “Werbezerstörer (Casseurs de pub)”"?, die Einführung der Webseite von Casseurs de Pub


Praktisch...

Die 10 Ratschläge für ein Leben ohne Wachstumswahn von den Casseurs de Pub



Nicholas Georgescu-Roegen

Nicholas Georgescu-Roegen ist Vordenker der Wachstumskritiker und der Décroissance-Bewegung. Er veröffentlichte zahlreiche Schriften über Ökonomie und Wachstumsrücknahme.

Nicholas Georgescu-Roegen kam am 4. Februar 1906 in Constan?a, (Rumänien) zur Welt. Er studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften in Bukarest und an der Sorbonne in Paris, wo er 1930 promovierte. Nachdem er zwei Jahre bei Karl Pearson in London Vorlesungen gehört hatte, wurde er Professor am Institut für Statistik der Universität Bukarest und arbeitete in mehreren wichtigen Funktionen für den Staat. Die Zeit 1934 bis 1936 verbrachte er an der Eliteuniversität Harvard, wo er durch den österreichisch-amerikanischen Ökonom Joseph Schumpeter gefördert wurde. Angeregt durch die Begegnung mit Schumpeter wandte er sich den Wirtschaftswissenschaften zu.

Nach der Machtübernahme durch den Kommunismus musste er im Februar 1948 mit seiner Frau, ebenfalls Mathematikerin, nach Amerika fliehen. In den USA schloss er sich mit befreundeten Ökonomen zusammen, die er bereits von früher kannte. Von 1949 bis 1976 war er Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Vanderbilt Nashville, im US-Bundesstaat Tenessee. Im Lauf seiner akademischen Karriere wurde er aufgrund seiner hervorragenden Leistungen in die ganze Welt eingeladen. So hielt er von 1977 bis 1978 Vorlegungen an der Universität Straßburg, Frankreich.

Im Lauf seines Lebens entwickelte er sein kritisches und innovatives Denken immer weiter. Sein wichtigstes Buch, The Entropy Law and the Economic Process (Harvard University Press 1971) führt die revolutionären, aber unverstandenen Thesen, die zum größten Teil schon in seinem ersten großen Buch, Analytical Economics, angelegt waren, zu einem Abschluss. Sein drittes Buch, Energy and Economic Myth (1976), das provokativste, wurde kaum rezipiert. Die internationale akademische Gemeinschaft hat die revolutionären Thesen von Georgescu-Roegen bisher nicht anerkannt. Jacques Grinevald und Ivo Renz übersetzten die gesammelten Texte aus Demain la décroissance (1979) und der Wiederauflage La décroissance (1995) und machten sie einer größeren Öffentlichkeit zugänglich. Den verschiedenen ökologischen Bewegungen in Europa dienten sie als Manifest.

Nicholas Georgescu-Roegen starb am 30. Oktober 1994 in Nashville. Er hinterlässt ein gewaltiges philosophisches und wissenschaftliches Erbe. Erst jetzt, an der Grenze zum 21. Jahrhundert, fängt man an, dessen Bedeutung für eine nachhaltige Ökonomie auf ökologischer Basis zu erkennen.



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Entstehungsgeschichte

Der Begriff “Wachstumsrücknahme” stammt ursprünglich aus Frankreich. In Frankreich sind auch die Ursprünge der Bewegung entstanden. Das Wort “Wachstumsrücknahme” ist die deutsche Übertragung des französischen Wortes “décroissance”, das sich von croissance (französisch für “Wachstum”) ableitet. “Décroissance” ist zwar das Gegenstück zu “croissance – Wachstum”, meint aber nicht Rezession, sondern ein kritisches Hinterfragen der gängigen Wachstumsideologie mit all ihren Folgen. Daraus resultiert konsequenterweise ein sorgsamerer und nachhaltiger Umgang mit den Ressourcen unserer Erde. Geprägt wurde dieser Begriff von Jacques Grinevald, ein Anhänger und Freund von Nicholas Georgescu-Roegen, der als Vater und Vordenker der Bioökonomie gilt. Jacques Grinevald veröffentlichte zusammen mit Ivo Renz 1979 das Essay von Georgescu-Roegen auf französisch: Demain la décroissance : entropie-écologie-économie, (Lausanne, Verlag Pierre-Marcel Favre).

Der Begriff “décroissance – Wachstumsrücknahme” steht in einer langen Tradition kritischer Theorien: Entfremdung von der Arbeit (Feuerbach, Marx...), Kritik an der Konsumgesellschaft (Baudrillard, Lefèbvre, Clouscard, Debord...) oder Kritik an der Werbung und den modernen Massenmedien (Postman). Dazu gehören aber auch gesellschaftliche Bewegungen, die sich kritisch mit den sozioökonomischen Gegebenheiten auseinandersetzen, zum Beispiel Luddismus, Feminismus, die Ökobewegung und Ähnliche... Die Wachstumsrücknahme hat außerdem Bezüge zu verschiedenen Strömungen in Philosophie, Spiritualität und Politik. Konzept und Theorie der Wachstumsrücknahme entwickeln sich ständig weiter. Sie stehen somit in einer lebendigen und permanenten Evolution. Die Hauptfrage ist jedoch nicht die genaue Bedeutung des Wortes, sondern was wir mit dem Konzept, das dahinter steht, machen und wie wir es in unser Handeln umsetzen.

Zum ersten Mal tauchte der Begriff “décroissance” in einem Text des Philosophen André Amar auf, der 1976 in der Zeitschrift Les cahiers de la Nef veröffentlicht wurde. Der Philosoph André Gorz plädiert in dem Buch Ecologie et liberté, Galilée Verlag (dt: Ökologie und Politik) für die Wachstumsrücknahme, nachdem er sich mit den Theorien von Nicholas Georgescu-Roegen auseinandergesetzt hatte:

“Nur ein Ökonom, Nicholas Georgescu-Roegen, hatte soviel gesunden Menschenverstand, um festzustellen, dass der Konsum der Ressourcen – selbst wenn er auf stabilem Niveau bleibt – diese ganz zwangsläufig verbraucht, bis sie vollständig zur Neige gehen. Somit lautet das Gebot der Stunde nicht, immer mehr zu konsumieren, sondern immer weniger. [...] Alle Linken, die es ablehnen, sich mit der Frage einer ausgleichenden Gerechtigkeit aus dieser Perspektive heraus auseinanderzusetzen, zeigen, dass der Sozialismus für sie nur die Folge der sozialen Beziehungen, der kapitalistischen Zivilisation, der Lebensart und der bürgerlichen Konsummodelle mit anderen Mitteln ist. Die Utopie besteht heute nicht darin, den Wohlstand durch Wachstumsrücknahme und den Umsturz der aktuellen Lebensart zu befürworten; die Utopie besteht darin zu denken, dass das Wachstum der Produktion noch mehr Wohlstand bringen kann, und dass sie materiell noch möglich ist.”

Da Kritik an den gesellschaftlichen und ökologischen Zuständen immer lauter wird, findet das Konzept der Wachstumsrücknahme in Frankreich und Italien immer mehr Anhänger. Verschiedene Autoren, zum Beispiel Cheynet, Ariès, Latouche... in Frankreich oder Bonaiuti, Pallante... in Italien, setzen sich damit auseinander. Sie beleuchten es aus unterschiedlicher Sichtweise. Über Wachstumsrücknahme werden nicht nur theoretische Arbeiten geschrieben, es entwickeln sich auch praktische Initiativen. Ihnen gemeinsam ist die Suche nach einem anderen Lebens- und Wirtschaftsmodell, also ein vollständiger Paradigmenwechsel. Das Motto lautet: “Sowohl die soziale als auch die ökologische Krise wächst mit dem westlichen Modell der (Wirtschafts-)entwicklung. Wir wollen da raus!”

Im Jahr 1993 veröffentlicht Jacques Grinevald in der französischen Zeitschrift Silence, die sich mit ökologischen Themen beschäftigt, einen Artikel über Wachstumsrücknahme und ihren Theoretiker Nicholas Georgescu-Roegen. Der Beitrag findet allerdings so gut wie kein Echo. Die Gründer der Zeitschrift Casseurs de pub, Bruno Clémentin und Vincent Cheynet, entwerfen in Frankreich das Konzept der “Décroissance soutenable” – zu Deutsch etwa nachhaltige Wachstumsrücknahme. Damit wollen sie dem Slogan vom “Nachhaltiger Entwicklung” oder “sustainable development” etwas entgegensetzen und gleichzeitig die öffentliche Debatte anstoßen. Auf dieser Grundlage erstellt Vincent Cheynet 2002 ein Dossier für die Zeitschrift Silence. Dieses Dossier mit einer Erstauflage von 5000 Exemplaren wird zwei Mal wiederaufgelegt. Der Präsidentschaftskandidat und Landwirtschaftsexperte Pierre Rabhi stellt das Thema Wachstumsrücknahme bei der französischen Präsidentschaftswahl 2002 in den Mittelpunkt seiner Aktivität.

Ebenfalls im Jahr 2002 findet in Paris eine Konferenz über das Thema Wachstumsrücknahme statt. Auf dieser Veranstaltung wird der Versuch unternommen, die Ideologie der westlichen Wirtschaftsentwicklung zu “entmythisieren”. Dieses Ereignis gilt als Grundstein einer breiteren Wachstumsrücknahmebewegung. In Frankreich und Belgien werden daraufhin Zeitschriften gegründet, die sich kritisch mit Werbung und Technologie auseinandersetzen. Sie unterstützen nicht nur die französische Ökobewegung, sondern auch die Anhänger der Wachstumsrücknahme. Im gleichen Jahr wird das Institut d’Etudes Economiques et Sociales pour la Décroissance Soutenable, IEESDS, gegründet. Dieses Forschungsinstitut beschäftigt sich mit wirtschaftlichen und sozialen Fragen, die im Zusammenhang mit einer nachhaltigen Wachstumsrücknahme stehen. Es möchte die Theorien über Wachstumsrücknahme auf eine wissenschaftliche Basis stellen.

Vincent Cheynet, Bruno Clémentin (Casseurs de pub) und Michel Bernard (Silence) veröffentlichen im Verlag Parangon das Buch Objectif décroissance. Es wird 8000 Mal verkauft und muss dreimal wiederaufgelegt werden.

Im September 2003 organisiert das Institut unter dem Motto “La décroissance soutenable - Die nachhaltige Wachstumsrücknahme” ein internationales Kolloquium. Es findet mit 600 Teilnehmern im Rathaus von Lyon statt.

Ab März 2004 wird von der Vereinigung Casseurs de Pub die Zeitung La Décroissance herausgegeben, die 2006 mit einer Auflage 45 000 Exemplaren erscheint. Der Verkauf steigt seit ihrer Gründung permanent an. La Décroissance wird in Frankreich, Schweiz, Luxemburg, Belgien, Kanada und Deutschland (Berlin) verkauft.

Patrick Braouezec von der kommunistischen Partei Frankreichs ist der erste Parlamentarier, der während der Sitzung der französischen Nationalversammlung am 25. Mai 2004 die Notwendigkeit einer “nachhaltigen und solidarischen Wachstumsrücknahme” propagiert.

Und am 28. Juli 2004 beginnt der Wissenschaftler und Ökologe François Schneider eine 12 Monate dauernde Reise durch Frankreich, die er zu Fuß mit einer Eselin unternimmt. Mit dieser Reise will er die Idee der Wachstumsrücknahme seinen Mitbürgern vorstellen. Ab 2004 werden in mehreren europäischen Ländern Märsche organisiert, zu Fuß, mit Eseln oder Fahrrädern. Die Teilnehmer wollen sich damit zur Langsamkeit und zur Entschleunigung des gesamten Lebens bekennen.

Parallel dazu werden 2005 in der angelsächsischen Welt die ersten “Transition cities” gegründet. Die Bewohner dieser “Städte” versuchen ein Leben zu führen, als ob es kein Erdöl mehr gäbe. Ziel ist es, sich ein Leben ohne fossile Brennstoffe vorzustellen und daraus einen Lebensstil zu entwickeln, der diese Vorgabe berücksichtigt. Ebenfalls im Jahr 2005 wird in Frankreich ein neues Kolloquium zum Thema Wachstumsrücknahme vom IEESDS organisiert. Federführend sind hierbei Professor Serge Latouche und Bernard Guibert. Letzterer gehört der Wirtschaftskommission der französischen Grünen an. Weitere Märsche für Wachstumsrücknahme folgen. So gehen einen Monat lang über tausend Menschen von Lyon nach Magny-Cours, um gegen den Großen Preis von Frankreich bei der Formel 1 zu demonstrieren. Als prominente Personen der französischen Wachstumsrücknahmebewegung nehmen Albert Jacquard, José Bové, Paul Ariès und Serge Latouche an der letzten Etappe teil. In den folgenden Jahren finden weitere Märsche statt, die von lokalen Gruppen organisiert werden.

Im Oktober 2005 300 Personen nehmen an der Tagung mit dem Motto “Generalstände der nachhaltige Wachstumsrücknahme zur Vorbereitung der Präsidentschaft- und Parlamentswahlen von 2007” in Lyon teil.

Im April 2006 wird die französische Partei für Wachstumsrücknahme (Parti pour la décroissance, PPLD) gegründet. Drei Monate später bekommt die Bewegung für Wachstumsrücknahme weiteren Auftrieb, denn Yves Cochet, Ex-Minister und grüner Parlamentsabgeordneter, bekennt sich öffentlich zur Wachstumsrücknahme und setzt sich in seiner politischen Arbeit dafür ein. Im November 2006 wird die erste Ausgabe der Cahiers de l’IEESDS veröffentlicht.

Im Jahr 2007 greifen Menschen in Mexiko und Argentinien die Idee der Wachstumsrücknahme auf. Damit wird sie auch außerhalb Frankreichs und Europas verbreitet. Hierzu schreibt Miguel Valencia Mulkay, von der Red Ecologista Autonoma de la Cuenca de México, autonomes ökologisches Netz von Mexico:

“Ein Geschrei klingt nun im Norden, in der Welt der Opulenz vor dem Überfluss von Informationen und Augenfälligkeiten. Es bestätigt den fortgeschrittenen Umbruch der globalen Ökosysteme und sozialen Netze durch die Globalisierung. Reiche Industrienationen sind davon ebenso betroffen wie arme Entwicklungsländer. Die Menschen leiden unter dem steigenden Stress. Das äußert sich in einer steigenden Selbstmordrate, mehr Nervenzusammenbrüchen, in steigendem Konsum von Drogen, Beruhigungsmitteln und Psychopharmaka; als Folge sind auch mehr Gewalt in den Familien, innerhalb der Gesellschaft, zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und zwischen den Nationen zu nennen. Denn die Menschen nehmen deutlich war, wie die die Welt, die ihnen Halt und Sicherheit gibt, zu Grunde geht: Jeden Tag schreien sie immer lauter: “WACHSTUMSRÜCKNAHME!” Das ist die einzige Lösung für diese unerträgliche Situation. Denn alles andere ist ein Wahnsinn, der den drohenden ökonomischen, ökologischen, politischen und menschlichen Kollaps leugnet.”

Noch im Jahr 2007 wird in Katalonien die “Entesa pel decreixement” als soziales Protestnetz gegründet, um die Idee der Wachstumsrücknahme zu verbreiten. Die Energiekrise bietet die Gelegenheit, die Gesellschaft in Frage zu stellen und an Alternativen zu arbeiten. Die katalonischen Aktivisten schreiben:

“Weniger zu produzieren und zu konsumieren, den Handel und den Warenverkehr wieder zurück in die Region zu bringen, an der lokalen Selbstverwaltung der Gemeinschaft und seiner Ressourcen teilzunehmen, zu teilen... in allen Aspekten des Lebens. Die Krise öffnet einen Weg zur Entmaterialisierung des Glücks und zur Wiederentdeckung eines gemeinsamen, naturnahen Lebens.”

Im Jahr 2008 beginnt das Kollektiv “Temps de re-voltes” einen Fahrradmarsch durch Katalonien. Die Teilnehmer des Marsches treffen sich mit verschiedenen sozialen Bewegungen unter dem Motto “konkrete Projekte zur Wachstumsrücknahme und Gegenmacht”.

Im April 2009 findet die Conférence de Paris mit dem Titel “Décroissance économique pour la soutenablilité écologique et l’équité sociale” statt. (European Society for Ecological Economics)

Nach Cahiers de l'IEESDS n°1, Beihheft von der Revue La Décroissance vom 22. November 2006, und mit der netten Hilfe von Antonio, blog “Decrecimiento”, Laura Blanco y Sylvain Fischer, von “Entesa pel decreixement”(Spanien).



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"Nachhaltiges Wachstum" oder Alternativen zum Wachstum?

Ein Beitrag zum Arbeitspapier für eine Alternative Weltwirtschaftsordnung

von Fabian Scheidler

Die Frage, ob weiteres „Wirtschaftswachstum“ mit den Grenzen der Biosphäre und den Grundsätzen der Nachhaltigkeit vereinbar ist, ist solange irreführend, als unter Wachstum eine Steigerung des BIP verstanden wird. Entscheidend für die Ökologie sind nicht die im BIP ausgewiesenen Geldströme sondern die Menge und Qualität der Ressourcenströme.

Führt man die Wachstumsfrage auf die materielle Basis zurück und betrachtet die Ressourcenströme, so ist die Antwort eindeutig: Die Industrieländer allein beanspruchen schon jetzt die gesamte ökologische Kapazität des Planeten. Das bedeutet zum einen, daß diese Länder der Erde einen zwei- bis fünfmal  größeren ökologischen Fußabdruck zumuten, als ihnen unter den Prämissen der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zustehen würde. Zum anderen zeigt es, daß eine Imitation des westlichen (ressourcenintensiven) Entwicklungsmodells durch die sogenannten Entwicklungsländer die ökologischen Dimensionen des Planeten (und das heißt auch: die Basis aller ökonomischen Aktivitäten) definitiv sprengen würde.

Notwendig ist also zweierlei: Erstens eine radikale Reduktion des Ressourcenverbrauchs in den Industrieländern. Zweitens gilt es, in den sogenannten Entwicklungsländern die Chance zu nutzen, direkt auf ressourcenleichte Produktions-, Distributions- und Konsumweisen zu setzen, zu denen die Industrieländer ohnehin finden müssen.

Zu 1) Um unser bisheriges Wachstums- und Entwicklungsmodell (und die dahinter stehenden Kapitalinteressen und asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen) nicht in Frage stellen zu müssen, hat man als Ausweg aus dem Widerspruch zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit den Begriff des „nachhaltigen Wachstums“ geprägt, der bereits vielerorts die „nachhaltige Entwicklung“ ersetzt. Diesem Begriff liegt die Vorstellung zugrunde, daß eine technische Effizienzsteigerung in der Güterproduktion sowie eine Zunahme des Dienstleistungssektors am BIP den Ressourcenverbrauch und die Senkenbelastung so weit reduzieren könnten, daß genügend ökologischer Spielraum für weiteres Wachstum – auch in den Industrieländern – geschaffen würde. In vielen entscheidenden Bereichen – z.B. im Automobilsektor – zeigt sich jedoch, daß die Effizienzgewinne durch das Produktionswachstum national wie weltweit bei weitem überkompensiert werden, die absolute Belastung also steigt. Auch große Teile des Dienstleistungssektors erweisen sich als weitaus weniger „ressourcenleicht“, als vielfach angenommen wird. Die Herstellung eines Computers beispielsweise verschlingt fast 2/3 der Menge an Energie und Materialien, die ein Auto benötigt.

Obwohl Öko-Effizienz und eine Umschichtung zugunsten des Dritten Sektors wichtige Bestandteile einer Nachhaltigkeitsstrategie seien können, reichen sie allein bei weitem nicht aus. Die Dimensionen der drohenden ökologischen und daraus folgenden sozialen Katastrophen erfordern einen tieferen strukturellen Wandel, sowohl in unserer Lebensweise als auch in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen:

– Ein Wandel unseres Wohlstandsbegriffs und unseres Lebensstils („Gutes Leben“ als primäres Ziel und nicht Waren- und Geldakkumulation)

– Aufhebung der aus der Kolonialzeit stammenden und unter der Regie von WTO, IWF und Weltbank weitergeführten asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Nord und Süd, die eine Extraktion von billigen Ressourcen durch die Industrieländer erlauben (strukturelles Dumping)

– Schrumpfung ressourcenintensiver Wirtschaftsbereiche wie etwa der Automobilindustrie

– Abkehr von der Fixierung der Wirtschaftspolitik auf BIP-Wachstum und Definition neuer wirtschaftspolitischer Ziele und der entsprechenden Indikatoren.

Solche Veränderungen erfordern natürlich einen tiefgreifenden Wandel auch in der Beschäftigungspolitik, der Steuerpolitik und den sozialen Sicherungssystemen, deren Finanzierung bislang auf permanentem Wachstum beruht. Von entscheidender Bedeutung, um den Wandel möglich, akzeptabel und nicht nur „sozialverträglich“ sondern gemeinwohlfördernd zu gestalten, wird es sein, eine gerechtere Verteilung des Volkseinkommens zu erzielen und den Trend zur sozialen Schere umzukehren. Arbeitszeitverkürzungen sowie die verstärkte Einbeziehung höherer Einkommen und Vermögen in die Finanzierung der sozialen Sicherung sind hier zu nennen.

2) Der direkte Einstieg von Entwicklungsländern in ressourcenleichte Produktions- und Konsumweisen ist nicht als Entwicklungsbremse zu verstehen, sondern könnte diesen Ländern im Gegenteil mittel- und langfristig wichtige Vorteile gegenüber den heutigen Industrieländern verschaffen, z.B. durch größere Unabhängigkeit von Energie- und Rohstoffimporten, geringere Kosten für die Behebung von Umweltschäden und einen Vorsprung im Bereich zukunftsfähiger Energietechniken. Besonders in der Energiepolitik wäre es für Länder des Südens überaus sinnvoll, beim Aufbau neuer Kapazitäten statt auf fossile Energieträger (wie es derzeit im großen Maßstab in Indien und China geschieht) verstärkt auf erneuerbare Energien zu setzen. 


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Umker zu einer Politik der Wachstumsrücknahme

Dieser Text ist die freie Übersetzung des Aufsatzes von Vincent Cheynet „Engager une politique de décroissance“. Das französische Original ist auf der Internetseite des Institut d’études économiques et sociales pour une décroissance soutenable - IEESDS (www.decroissance.org) zu finden.

Warum Wachstumsrücknahme?

Am 19. und 20. Mai 2005 fand die vierte Konferenz der ASPO in Lissabon statt. Die ASPO, Association for the study of peak oil (Verein zum Studium des Erdölgipfels) hat sich zum Ziel gesetzt, die Öffentlichkeit über den Fördergipfel bei Erdöl zu informieren, der konsequenterweise zu einem Ende des billigen Erdöls führt. Zwei Tage lang haben 300 Personen aus 40 verschiedenen Ländern - Geologen, ehemalige Arbeiter von Öltankschiffen, Professoren oder Wirtschaftler – diskutiert und Vorträgen zugehört, ohne dass die Medien groß davon Notiz nahmen.

„Der Zeitpunkt, wann der Fördergipfel genau erreicht sein wird, ist nicht von Bedeutung“, erklärte Kjell Aleklett, der Präsident des ASPO: „Was zählt, ist der unaufhaltsame und unumkehrbare Niedergang der Produktion, der folgen wird.“ Der ehemalige Angestellte eines erdölverarbeitenden Unternehmens hat die Institutionen, die sich um Energiefragen kümmern, nachdrücklich aufgefordert, Alarm zu schlagen, denn sonst „stehe uns der Tsunami der Erdölreserven bevor“. Die ASPO wies darauf hin, dass unsere Wirtschaft das billige Erdöl als Basis benötigt. Nun haben wir die Hälfte der Erdölreserven des Planeten verbraucht. Sehr bald, das heißt zwischen 2009 und 2015, so die Einschätzung, werden wir den Gipfel erreichen, und dann wird das Angebot die Nachfrage nicht mehr befriedigen können.

Auto, Computer oder Zahnbürste

Schon heute entsteht eine soziale Krise in mehreren südamerikanischen Ländern, wenn sich der Preis pro Barrel Erdöl verteuert. Zwar wird immer noch etwas übrig bleiben, doch wir werden „im zweiten Alter des Erdöls“ sein, im Alter des teuren Erdöls. Im Jahr 1999 kostete der Barrel 10 Dollar, er schwankt im Moment (Januar 2006) zwischen 60 und 70 Dollar und einige Banken sagen einen Preis von 100 Dollar im Dezember [ 1 ] vorher. ((Hier ist der Dezember 2006 gemeint. Im Januar 2007 kostete der Barrel Rohöl 72 Dollar, im Verlauf des Jahres 2008 erreichte einen Spitzenwert von 133 Dollar; Quelle: http://www.spiegel.de/flash/0,5532,13708,00.html; Anm. die Übersetzer))  Die Investitionsbank Ixis-CIB hat am 18. April 2005 eine Studie veröffentlicht, wonach der Barrel Rohöl im Jahr 2015 380 Dollar kosten könnte. Alle Länder sind betroffen, Erdölerzeuger ebenso wie Verbraucher, vor allem die Reichsten. Unsere Nahrung, unser Auto, die Dinge unseres alltäglichen Lebens, unsere Computer, unsere Medikamente, unser Fernsehen oder unsere Zahnbürste, alles ist vom Erdöl abhängig. Jeden Tag verbraucht die Weltwirtschaft 82 Millionen Barrel und die Ölindustrie fängt schon an unter unserem immensen Energiehunger zu röcheln.

„The Party’s over - die Party ist vorbei“, fasst der amerikanischer Journalist und Umweltschützer Richard Heinberg die Situation zusammen [2]. Teures Erdöl bedeutet eine Veränderung auf allen Ebenen der Gesellschaft. In der Folge wird sie die „Entglobalisierung“ nach sich ziehen. Wenn man jetzt nichts unternimmt, wird der „Erdölschock“ zu starken gesellschaftlichen und politischen Unruhen führen.

Diese Risiken wurden während der Diskussionen besonders betont. „Das Ende der Ölreserven“, so der Geologe und Gründer der ASPO Colin Campbell  „ist die bedeutendste Herausforderung, der sich die Menschheit stellen muss.“

Sackgasse für die Entwicklung

Denn der Fördergipfel bedeutet ganz einfach das Ende einer Wirtschaft nach westlichem Modell, das auf Wachstum beruht. In der Tat hört das wirtschaftliche Wachstum dort auf, wo die physischen Grenzen des Planeten anfangen. Die modernen Wirtschaftsmodelle, seien es nun liberale oder marxistische, die die ökologische Variable in ihrer Argumentation ausblenden, werden von der Wirklichkeit eingeholt. Jean Baptiste Say (1767 - 1832), der die Arbeit von Adam Smith popularisiert hat, behauptete: „Die Güte sind unerschöpflich, weil wir sie sonst nicht kostenlos erhalten würden. Und da sie nicht vermehrt und auch nicht erschöpft werden können, sind sie nicht Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften.“

Nicholas Georgecu-Roegen [ 3 ], der Vordenker der Bioökonomie und der Wachstumsrücknahme, schließt daraus, dass die „Wirtschaftswissenschaften“ nicht genug materialistisch und gleichzeitig zu materialistisch sind. Nicht genug materialistisch, weil sie die physische Realität nicht berücksichtigen. Zu materialistisch, weil sie den Menschen auf eine einzige Funktion reduzieren: Erzeuger-Verbraucher.

Im Juni 2005 haben tausend Personen, überwiegend junge Menschen am „Marsch für Wachstumsrücknahme“ teilgenommen. Start war die Metropole Lyon, Ziel Magny-Cours (im Zentrum von Frankreich), der Austragungsort des Grand Prix de France de Formule 1 (Großer Preis von Frankreich in der Formel 1). Hier wollten sie für dessen Abschaffung demonstrieren. Dieses Autorennen ist das Symbol der Wachstumsgesellschaft, denn es verbindet den Kult des Wettbewerbes, die Religion der Technik und die Herrschaft des Geldes miteinander. In der Begleitung von José Bové, Albert Jacquard, Serge Latouche und Paul Ariès haben die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass die Idee eines unendlichen, wirtschaftlichen Wachstums in einer beschränkten Welt jeder Logik entbehrt. Darüber hinaus haben sie die „Wachstumsideologie“ angeprangert, denn sie vernichtet jede Hoffnung auf ein wünschenswertes Leben. Der Glaube in der westlichen Welt an eine unbegrenzte wirtschaftliche Entwicklung – wenn sie denn dauerhaft wäre , hat als Folge einen furchtbaren Rückschritt für Mensch und Gesellschaft, von dem die Zerstörung der Natur nur die materiale Konsequenz ist.

Werbung versus Werte

Alle spirituellen und philosophischen Strömungen haben den Menschen unablässig daran erinnert, dass er sich nur dann als Person und in der Gemeinschaft strukturiert, wenn er fähig ist, sich zu beschränken. Die Wachstumsideologie zerstört diese Lehre. Sie ist ein außerordentliches Phänomen der kollektiven Rückentwicklung. Um das BIP zu maximieren, soll eine ganze Gesellschaft wieder ins Säuglingsalter zurückzukehren. In freudianischen Begriffen wird das Es (die Summe der Triebe) aufgefordert, das Ich (bewusstes Individuum) zu beherrschen, das Lustprinzip soll sich über das Wirklichkeitsprinzip stellen. Diese Entfremdung für Mensch und Gesellschaft wird von der Werbung, dem Signalgeber der modernen Ideologie, vorgeschrieben. Die Propaganda geschieht direkt oder indirekt über die Massenmedien, die heute von der Werbung abhängig sind.

So fallen wir in eine Verkehrung der Werte: die Konsumgesellschaft. Was profan ist - Geld, Technokratie, Konsum – nimmt einen sakralen Charakter an, und das Heilige - die Werte der Menschlichkeit - werden entweiht. Angesichts des Erdölschocks erhalten die Lösungen, die von unserer Gesellschaft gefördert werden, den Charakter einer unbewussten Religiosität: Man zählt einzig auf die Macht der Technokratie, um uns vor der ökologischen Apokalypse zu bewahren. Man erwartet die Entwicklung eines Wassermotors – was die Gesetze der Physik herausfordert; ITER ((Das ist ein Reaktor zur Stromerzeugung durch Kernfusion; Anm. die Übersetzer)), der prometheische Traum, eine Sonne auf der Erde zu erschaffen, wird von allen Atombefürwortern gelobt.

Green washing

So finden wir auf die grundlegende politische, kulturelle, philosophische und spirituelle Problematik nur technische Antworten. Diese Flucht nach vorne, die für die Wachstumsideologie typisch ist, und das Aufgeben der Verantwortlichkeit durch die Technokratie verschlimmern die Situation nur [4]. Wir verweigern uns einer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit der Probleme und setzen an deren Stelle ein ethisches und ökologisches Übertünchen, auch Greenwashing genannt. Für das System ist das die beste Garantie, weiterzubestehen und ihm ein Hinterfragen der wirklichen Ursachen zu ersparen. Zahlreiche Vereinigungen, an erster Stelle die Partei Les Verts ((die französischen Grünen, Anm. die Übersetzer)), haben sich für diese Art der Ablenkung geeignet (und tun es immer noch), um die Vorteile dieses Diskurses in Anspruch zunehmen und bei den Institutionen in der Gunst zu stehen.

Doch statt über Gründe, warum wir die Welt zerstören, nachzudenken, fügen wir Präfixe (Öko-Entwicklung) oder Adjektive (nachhaltiges, sauberes, verlangsamtes oder grünes Wachstum; dauerhafte Entwicklung) den Ursachen unserer Krankheit hinzu. Begriffe wie „alternative Entwicklung“ („Alter-développement“) oder „anderes Wachstum“ haben nur einen Zweck, nämlich unserer Problem zu verstärken: sie halten uns an oberflächlichen Lösungen gefangen. Wenn wir uns jedoch weigern, der physischen, aber vor allem der politischen Realität dieser Welt ins Angesicht zu schauen, dann droht unsere Gesellschaft, die dermaßen Erdöl abhängig ist, entweder in eine Diktatur oder in die Barbarei abzugleiten.

Es wurde nichts festgesetzt

Heute verbrauchen 20 Prozent der Menschheit, das heißt die reichen Länder, 86 Prozent der Bodenschätze.

Wenn wir nichts ändern, bräuchten wir zwei Planeten, um unseren Lebensstil zu erhalten. Wir haben nun nicht mehr die Wahl zwischen Wachstum und Wachstumsrücknahme, sondern zwischen Wachstumsrücknahme und Rezession. Entweder nützen wir die Gelegenheit dieser Diskussion, um an einer nüchterneren, großzügigeren, menschlicheren und demokratischeren Gesellschaft zu arbeiten oder unsere Welt fährt gegen die Wand.

Im Gegensatz zum Abgeordneten der französischen Grünen, Yves Cochet, denken wir nicht, dass „der Schock“ „unvermeidlich“ ist, dass es „keinen Plan B“ gibt [5]. Und wir fordern ihn auf, das politische Feld zu verlassen, wenn er dort eine „unvermeidliche“ „Erdöl-Apokalypse“ predigt. Seine Haltung ist für den Politiker ganz und gar kontraproduktiv und nachteilig: Das Engagement in einer Demokratie sollte daran erinnern, dass nichts ein für allemal festgesetzt wurde und dass die Zukunft das ist, was wir daraus machen.

Man hat den Ultraliberalen vorgeworfen, dass sie den Kapitalismus eingebürgert haben, damit die Anhänger der Ökobewegung ihrerseits den Zusammenbruch der Gesellschaft aufgrund des Endes der natürlichen Ressourcen als unausweichliches Phänomen beschreiben.

Die Frage, die die Wachstumsrücknahme stellt, lautet: Wie soll verteilt und wie soll sich beschränkt werden, und dies ist eine politische Frage. Das Problem, wie eine Politik der Wachstumsrücknahme umgesetzt werden soll, kehrt ganz zu Recht immer wieder zurück. Gibt es ein geplantes politisches und wirtschaftliches Modell, sozusagen einen „Schlüssel in der Hand“, mit dem das Land in eine „nachhaltige Wachstumsrücknahme“ eintreten kann? Ist dieser Begriff nicht, wie die verhängnisvolle „dauerhafte Entwicklung“, ein Oxymoron, das heißt die Verbindung von zwei entgegengesetzten Begriffen? Würde Wachstumsrücknahme nicht unvermeidlich das soziale Chaos nach sich ziehen?

Kein Gegensystem

Die Wachstumsrücknahme ist nicht das Gegenteil von Wachstum. Eine unendliche Wachstumsrücknahme ist genauso absurd wie ein unbeschränktes Wachstum. Die Wachstumsrücknahme ist eine „Gegenspur“, ein Schlagwort, das die  „Wachstumsideologie“ zunächst zerstören muss. Dieser Begriff hat die notwendige, symbolische Aufgabe, die Trennwände des Gebäudes, das die Konsumgesellschaft mit psychologischen Mitteln errichtet hat, einzureißen.

In der ersten Etappe dieses Prozesses müssen wir verstehen, dass wir uns zuerst von einer Ideologie befreien müssen, die als natürlich betrachtet wird, auch wenn sie künstlich errichtet wurde.

Ja, bevor sie errichtet, will die Logik der Wachstumsrücknahme abbauen.

Das Präfix der Wachstumsrücknahme, in den anderen Sprachen, dé-, de- („degrowth“ auf Englisch, „decrecimiento“ auf Spanisch, „decrescita“ auf Italienisch, „décroissance“ auf Französisch), „ent-“ auf Deutsch, ist bezeichnend für diese Art und Weise, die Sachen zu erfassen: „ent-wachsen“, „ent-kolonisieren“, „ent-giften“…

Der erste Schritt in Richtung Wachstumsrücknahme hat also nicht das Ziel, ein Gegensystem an die Stelle des Systems zu setzen, auch keine Gegenideologie der Wachstumsrücknahme an die Stelle der Wachstumsideologie, sondern den kritischen Geistes an die Stelle des dogmatischen Denkens, Neutralität an die Stelle der Propaganda und des Sektierertums.

Ist Wachstumsrücknahme negativ?

Man hat dem Begriff „Wachstumsrücknahme“ vorgeworfen negativ zu sein, wo doch unsere Kultur des Kaufens, uns zwingt, die Dinge „positiv zu sehen“. Der Werbespruch „Mit Carrefour bin ich gut drauf!“ ist das Echo der „positiven Haltung“ des ehemaligen französischen Premierministers Jean-Pierre Raffarin. ((Carrefour ist eine große französische Einzelhandelskette. Ihr Slogan lautet im Original: „Avec Carrefour je positive“ Anm. die Übersetzer))

Das französischer „Nein“ zum europäischen Verfassungsvertrag bildet somit eine Hoffnung: Die Fähigkeit, nein zu sagen, öffnet das Feld für selbstständiges Denken. Entsprechend dieser Logik engagieren sich die Anhänger der Wachstumsrücknahme für die Gegenmächte. Diese Gegenmächte sind genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als die Macht selbst, weil die Macht zur Kompromiss- und Gleichgewichtssuche gezwungen wird. Wir denken, dass die Gegenmacht nicht außerhalb der Ordnung liegt, sondern ein wirklich grundlegender Bestandteil der Demokratie ist.

Nur wenn wir unsere Fantasie „entkolonisieren“, kann eine „Gesellschaft der Wachstumsrücknahme“ hoffen, mit der gegenwärtigen „Fixierung auf die Ökonomie“ zu brechen. Der erste Schritt besteht wirklich darin, alle Dimensionen unseres Menschseins an vorderste Stelle zu setzen.

Dann, und nur dann, kommt die Frage, wie eine Politik der Wachstumsrücknahme umzusetzen ist, und zwar sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Wir wiederholen es immer wieder, wir haben kein Fertigsystem und wir möchten auch keines konzipieren. Die demokratische Gesellschaft der Wachstumsrücknahme wird sich nur schrittweise in der und durch die Debatte, das heißt im gesunden Wettstreit der Ideen verwirklichen, auch mit der Fähigkeit, sich immer wieder in Frage zu stellen. Diese Abwesenheit eines vorher festgelegten Systems wird von unseren marxistischen Mitstreitern oft als Schwäche wahrgenommen. Wir verstehen uns von Grund auf als Demokraten und denken, dass wir nur Schritt für Schritt vorankommen werden, und nicht indem wir zunächst ein Modell aufstellen, welches dann in die Praxis umzusetzen ist.

Gesetze anwenden

Trotzdem können wir „generelle Prinzipien“ festlegen, mit denen wir die Gesellschaft weiter in Richtung „Wachstumsrücknahme“ voranbringen können.

Zum einen existiert die Gesellschaft der Wachstumsrücknahme bereits: Das ist teilweise das Gesetz (im eigentlichen Sinn des Wortes). Wir wollen Grenzen setzen, und zwar für uns selbst ebenso wie für die Gemeinschaft. Die Wachstumsgesellschaft führt eigentlich dazu, Gesetze zu zerstören. Der Ultraliberalismus, der alle politischen Grenzen ablehnt, ist nur die Folge der Wachstumsideologie. „Wachstumsrücknahme“ bedeutet zuerst, Gesetze anzuwenden. Wir sind wahrlich keine Anhänger von Nicolas Sarkozy, aber wir müssen anerkennen, dass die Zahl von Toten und Verletzten drastisch gesunken ist, nachdem er die Straßenverkehrsordnung und die Geschwindigkeitsbegrenzungen angewandt hat. Das ist auch ganz nebenbei eine wirksame ökologische Maßnahme, weil die Verminderung der Geschwindigkeit die Produktion von Kohlendioxid viel konsequenter reduziert als einige kleine Maßnahmen, die auf eine „dauerhafte Entwicklung“ abzielen wie die „grüne Vignette“ u.s.w. Solche Maßnahmen sind oft kontraproduktiv.

Zum anderen könnte eine Politik der Wachstumsrücknahme darin bestehen, neue Gesetze zu schaffen. Diese Gesetze definieren einen Rahmen, der in Einklang mit dem Gesellschaftsprojekt wäre. Das können Gesetze sein, die entweder zu den bestehenden hinzukommen oder sie ersetzen.

Zahlreiche „Gesetze zur Wachstumsrücknahme“ sind bereits umgesetzt worden. So hat beispielsweise der französische Sozialist Claude Evin ein Gesetz zur Verminderung des Zigarettenkonsums in Parlament eingebracht. Auch dieses Gesetz zielt auf eine Wachstumsrücknahme ab.

Die Vorschläge der Bewegung für Wachstumsrücknahme sind umfangreich: das SMID, „Salaire maximum interprofessionnel de décroissance“ ((„berufsübergreifender Höchstlohn“ in Analogie zum SMIC, dem berufsübergreifenden Mindestlohn in Frankreich; Anm. die Übersetzer)), das Verwurzeln der Wirtschaft in der Region, das heißt, die Förderung von Betrieben vor Ort, die die Bevölkerung vor Ort versorgen, der Ausstieg aus der Automanie, eine biologische Landwirtschaft, den Abbau von Großindustrie zugunsten einer auf kleinen Produktionseinheiten basierten Wirtschaft, das Ende des Konsum als ideologisches System, die Erhöhung von Zöllen, die schrittweise Erhöhung von Steuern auf Treibstoffe, das Verbot von Franchise-Betrieben, den Ausstieg aus der Atomkraft, eine neue Raumplanung für Länder und Regionen ohne Megastädte und Ballungsräume, eine „altruistische“ Schutzzollpolitik, u.s.w….

Einfach leben

Drittens: die Grenze der Gesetze. Eine Gesellschaft, die sich ganz und gar auf Regelungen durch Gesetze gründet, wäre totalitär. Das ist offensichtlich. Es nützt nichts, Gesetze zu machen, die im Vergleich zur Stimmung der Bürger inadäquat oder noch undurchführbar sind. Je freier wir frei sein wollen desto mehr Verantwortung müssen wir übernehmen. Je mehr Verantwortung die Individuen übernehmen desto weniger müssen die gesetzlichen Vorgaben die Individuen einschränken. Die Bewegung für Wachstumsrücknahme wird sich nicht nur auf Gesetze gründen können – sonst wäre sie ein autoritäres und erdrückendes System, und das ist genau das Gegenteil des gewünschten Zieles, nämlich die Förderung von Gewaltlosigkeit.

Das gesamtgesellschaftliche Ziel muss also eine Kultur der Individualtugend sein. Und das lässt sich nicht allein durch die Politik erreichen.

Das Ziel „bewusst zu handeln“ ist demnach von grundsätzlicher Bedeutung. Auf individueller Ebene muss sich dieses Ziel als „einfaches Leben“ ausdrücken.

„Einfach leben, damit einfach die andere leben können“, wie es Gandhi sagte. Das heißt, ein Leben ohne Fernsehen, ohne Auto oder Mobiltelefon, das heißt auch, das Flugzeug und alle vom industriellen System kreierten Bedürfnisse abzulehnen. Es gibt keine mögliche demokratische Lösung ohne das nötige Bewusstsein und das Umsetzen dieses Bewusstseins ins Handeln - Maßhalten im Konsum, politisches Engagement oder der Kampf gegen die ungerechte Verteilung von Armut und Reichtum. Die Wachstumsrücknahme erfordert also ein echtes „Hineingehen in den Widerstand“. Als sichtbarer Ausdruck rückt die Suche nach Kohärenz zwischen den Theorien und dem eigenen Leben rückt das Engagement ins Zentrum.

[[An Adèle: Als nächstes möchte ich mich an den Text „10 conseils pour entrer en résistance par la décroissance“ machen. Vielleicht könnte man an dieser Stelle einen internen Link einbauen mit dem Zusatz: „Wer persönliche Strategien der Wachstumsrücknahme im eigenen Leben umsetzen möchte, findet hier weitere Anregungen.“]]

Die Notwendigkeit der Politik

Wer vorankommen möchte, muss sich bewegen, und zwar als Individuum und als Kollektiv. Für die moderne Vernunft ist die individuelle Perspektive verständlicher als die gesamtgesellschaftliche. Der Ultraliberalismus führt zum Ultraindividualismus. Viele Aktivisten sind bereit, sich biologisch zu ernähren, Rad zu fahren oder Erzeuger-Verbrauchergemeinschaften zu gründen, aber möchten sich nicht ins politische Geschehen einzubringen. Die Politik wird leider negativ wahrgenommen.

Dennoch können sich die Anhänger der Wachstumsrücknahme nur der gesellschaftlichen Realität stellen, wenn sie in der Lage sind, das Kollektiv aufzubauen, es sei denn sie ziehen sich in Nischenlösungen zurück, die einer Elite vorbehalten sind.

Das heißt, sie müssen sich frei genug fühlen, um einen Teil ihrer Souveränität zugunsten der Gemeinschaft aufzugeben. Das gegenwärtige Paradox ist, dass die Konsumgesellschaft entfremdete Individuen erzeugt, die sich weigern, ein Teil ihrer Entfremdung aufzugeben. Auf allen Ebenen schreitet die Idee von Wachstumsrücknahme voran. Auf der individuellen Ebene ebenso wie auf der politischen.

Im November 2005 wurde in Frankreich die Partei für Wachstumsrücknahme (http://partipourladecroissance.net ) gegründet, mit dem Ziel, als politisches Sprachrohr der Bewegung in der französischen Präsidentschaftswahl 2007 und darüber hinaus aufzutreten.

Das Ende der Geschichte ist noch nicht gekommen und Geschichte der Bewegung für Wachstumsrücknahme fängt gerade erst an.

1 - Studie der US-Bank Goldman Sachs, weltweit die Nummer 1 im Handel von Derivaten auf Energie, April 2005.

2 - Richard Heinberg, The Party is over und Powerdown (dt: Öl-Ende, ‘The party is over’ Die Zukunft der Welt ohne Öl)

3 - Nicholas Georgescu-Roegen, (1906-1994), ist der Autor von La décroissance (Die Wachstumsrücknahme), Sang de la Terre Verlag.

4 - Benjamin Dessus „L’alibi politique des utopies technologiques“,  Zeitschrift Le Monde Diplomatique, Januar 2005.

5 - Yves Cochet, „L’ère du pétrole cher“, Zeitschrift Le Monde, 12. Juli 2005.

6 - „La décroissance, un mot-obus“, Paul Ariès, Zeitschrift La Décroissance n ° 26, April 2005.

Auch interessant: Das Ende des Erdöls! Wo sind die Alternativen?

Blog von Readers Edition

http://www.readers-edition.de/2007/08/03/das-ende-des-erdoels-wo-sind-die-alternativen



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Warum nennen wir uns “Werbezerstörer (Casseurs de pub)”?


Von Casseurs de Pub (www.casseursdepub.org), freie Übersetzung fü unsere Seite

Sind wir Zerstörer, Hooligans, Menschen, die “nicht ganz richtig ticken”, wie uns die Werbeleute immer wieder nennen?
Nein, natürlich nicht! Wir führen einen gewaltfreien Kampf, der sich auf Argumentation stützt. Wenn wir Werbung kaputt machen, dann deshalb, weil Werbung eine Maschine ist, die kaputt macht.

Eine Maschine, die die Natur, den Menschen, die Gesellschaft, die Demokratie, die Pressefreiheit, die Kultur und die Kulturen, die Wirtschaft und auch die Bildung kaputt macht.

Aber die Werbung ist auch eine Maschine, die viel wichtigere Dinge zerstört, wenngleich diese Dinge weniger offensichtlich sind: Das Wort und das Symbol. Bitte lesen Sie weiter.

Wir machen uns zu Menschen, weil wir uns für bestimmte Werte einsetzen. Werte wie die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit, Begriffe die über dem Eingang unserer Rathäuser stehen, aber auch für Freundschaft, Teilhabe, Toleranz, Respekt vor Andersartigkeit oder auch die Sorge um die Schwächsten unter uns. Die Werte der Werbung sind Geld, Wettbewerb, das Recht des Stärkeren.

Diese Werte, die wir verteidigen, machen aus uns menschliche Wesen, denn wir sind frei. Frei, um zu wählen und diese Werte in die Praxis umzusetzen. Wir sind auch frei, dies nicht zu tun. Es ist diese freie Entscheidung, die unser Gewissen definiert. Wir haben die Wahl zwischen dem, was uns gut oder schlecht erscheint, zwischen dem was in unseren Augen mehr oder weniger gut beziehungsweise mehr oder weniger schlecht ist. Ohne Gewissen wären wir auf den Zustand eines Tieres reduziert.

All diese Werte können wir nicht vollständig in Zahlen ausdrücken. Sie sind “immateriell”. Wir erklären sie mithilfe von Worten, doch die Wörter bleiben immer ein Ausdruck unserer Gedanken. Die Wörter werden niemals unsere Werte perfekt erklären können. Sie sind immer noch die bestmögliche Annäherung. Wörter sind also zerbrechlich, sehr zerbrechlich. Wörter, alle Wörter sind Symbole.

Die Symbole sind wie Wörter. Wir benützen sie, um unsere Gefühle und Werte zu übermitteln. So symbolisiert die schwarz-rot-goldene Fahne Deutschland, eine Waage symbolisiert die Gerechtigkeit. Worte (das, was die Alten das Verbum genannt haben) und die Symbole sind also für unser Menschsein essenziell. Wenn wir Worte und Symbole für etwas verantwortlich machen, dann heißt das, dass wir den Menschen selbst verantwortlich machen.

Und genau das machen die Werbeleute. Sie deformieren die Wörter. Sie zertrampeln die Sprache, um die Leute dazu zu bringen noch mehr zu konsumieren. Sie verdrehen den ursprünglichen Sinn der Wörter, um unsere Gehirne zu manipulieren. Um die Kauflust bei den Konsumenten anzuheizen, benützen sie Strategien, die unerkannt in unsere Gehirne dringen. Diese Strategien wurden gemacht, um uns zu verführen. Die Werbung mit ihrem fröhlichen, sympathischen, bisweilen lustigen Gesicht ist eine gefährliche Propaganda, die - Bild für Bild - den Sinn des Lebens zerstört. Zum Beispiel: Bedeutet das “echte Leben” - in der Discouter-Kette Auchan einzukaufen? Oder ist Nutella das wirklich “Glück, das man aufs Brot streichen kann”?

Die Werbeleute benützen unsere Symbole, um uns vom Konsum abhängig zu machen. Sie manipulieren Werte, die uns erlauben menschlich zu handeln, nur damit wir kaufen. So reduzieren sie unser Engagement für die Gemeinschaft zu einem Engagement für den Konsum. Wir sind nicht Bürger, weil wir die Werte der Demokratie achten, sondern weil wir Käufe tätigen. So bringen sie eine ganze Gesellschaft dazu, sich in den Konsum zu stürzen; eine Gesellschaft, wo der Konsum nicht mehr Mittel ist, sondern ein Zweck an sich. Eine Gesellschaft, die das Profane heiligt - die Wissenschaft, den Konsum oder das Geld und die das Heilige profanisiert. Das heißt Werte, wie Freiheit, Gleichheit oder Brüderlichkeit. Die Werbung macht das alles, damit wir vergessen, dass wir menschliche Wesen sind. Sie reduziert uns zu kranken und immer gierigeren Konsumenten. So erstaunt es nicht, dass immer weniger Leute zwischen Mensch und Tier unterscheiden können, zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. Ebenso wenig erstaunt es, dass immer mehr von diesen Leuten denken, es gäbe keinen Unterschied zwischen gut und böse, überkommene Ideen seien für Georges Bush reserviert oder für archaische Religionen.

Vor diesem Überfluss an Symbolen, mit dem uns die Werbeleute überschwemmen, denken viele Leute, dass Symbole letztendlich Werbung sind. Indem sie Symbole ablehnen, werden sie unfähig über Werte zu sprechen oder ihre innersten Gefühle mitzuteilen.

Genau das macht die Werbung. Sie nimmt Symbole und zerstört sie. Sie dreht Wörter um und macht sie kaputt. Letztlich zerstört sie dadurch den Menschen. Dass eine Werbetafel eine schöne Landschaft zerstört, sieht man sofort, doch oft ist das, was man nicht sieht, viel schlimmer als das, was uns unmittelbar ins Auge springt.
Damit uns die Werber manipulieren können, sagen sie uns immer wieder, dass wir intelligent genug sind, um nicht von der Werbung beeinflusst zu werden. Wenn das so ist, wozu ist die Werbung dann gut? Ihr Sinn besteht ja gerade darin, ein Produkt zu loben, unsere Meinung durch das geschickte zur Schaustellen von Werbebotschaften zu beeinflussen. Dadurch glauben wir, dass wir die Entscheidung haben, ob wir eine bestimmte Marke einer anderen vorzuziehen. Die Rhetorik der Werber ist dieselbe wie die Rhetorik der Hersteller von Zigaretten, Alkohol oder Waffen - und oft arbeiten ja die Werber gerade für sie. Die Werber sagen, dass diejenigen, die die Werbung kritisieren, Menschen für dumm halten. Wenn sie wieder dieses Argument benützen, machen die Werber den Menschen direkt verantwortlich. Denn wenn sich der Mensch durch seine Freiheit definiert, dann charakterisiert seine Schwäche sein menschliches Wesen. Wir als Menschen sind also manipulierbar, beeinflussbar, konditionierbar. “Nach der vierundsechzigtausendsten Wiederholung wird alles Realität”, sagte der Schriftsteller George Orwell. Erwachsen werden bedeutet auch, sich seiner Schwäche bewusst sein. Doch die Werber wollen uns den Glauben schenken, wir seien omnipotent.

Wissen Sie, wovor die Werber am meisten Angst haben? Vor Leuten, die nachdenken. “Keep them simple and stupid” (“Halten Sie sie einfältig und dumm”), sagte Bill Benbach, Chef der Werbeagentur DDB. Die Werber wollen die Menschen im Zustand von kleinen Kindern halten, im Brustalter, das heißt, in einem Alter, wo man sofort alle Triebe befriedigt haben möchte. Sie wollen Erwachsene, die kleine Kinder geblieben sind und sich gleichzeitig allmächtig fühlen. Aber sie wollen keine kritischen und verantwortungsbewussten Bürger. Darum reden sie die ganze Zeit vom “Wunsch”, aber niemals vom “Wille”.

Damit wir kaufen, benützen die Werber alle Arten der Propaganda. Ihre “Kommunikation” stützt sich auf Slogans, die den Menschen endlos eingehämmert werden, damit sie sich ins Gedächtnis der Menschen einbrennen. Sie versuchen die Emotionen der Menschen zu berühren, um ein “reflexhaftes Verhalten” zu provozieren. Die Techniken, die sie verwenden, um ihre Waren an den Mann oder die Frau zu bringen, sind die gleichen, die auch Diktatoren und Tyrannen benützen. Als die UdSSR noch existierte, gab es dort Werbung für Waren und Propaganda für die Diktatoren. Beides wurde von den gleichen Werbern gemacht. Denn für Geld tun Werber alles: Kinder dick machen ebenso wie sich in den Dienst von Despoten zu stellen. Der bekannte französische Werbefachmann Jacques Séguéla nahm ebenfalls Aufträge des togolesischen Diktator Gnassingbé Eyadema an, um für ihn zu werben. Er selbst sagte einmal: “Wenn man die Werbung verbieten will, heißt das, dass man die Freiheit zu kommunizieren verbieten will; dann sind wir im Nationalsozialismus.”(2) Denn die Werber sind zu jeder Lüge fähig und besonders dazu, ihre Propaganda als Information zu präsentieren! Wie totalitäre Systeme erträgt die Werbung keine Widerrede. In Nordkorea machen die Werber Plakate und Filme, die den stalinistischen Diktator Kim Jong-Il glorifizieren, während er sein Volk hungern lässt. Und ebenso erklären die Werber, dass “Werbung Freiheit bedeutet”. Und das Schlimme dabei ist, die Journalisten wiederholen es! Denn die Journalisten werden heute mehrheitlich durch die Werber bezahlt. Sie finanzieren nämlich den größten Teil der Medien heute, indem sie Platz für Anzeigen kaufen. Aber das war nicht immer so. Am Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Widerstandskämpfer Gesetze geschaffen, um zu verhindern, dass sich die Geschäftsleute der Medien bemächtigen. Leider hat sich seither die Situation derart verschlechtert, dass die alten Widerstandskämpfer die aktuelle Situation mit der vor dem Krieg vergleichen!

Die Werber sind schlau und gewieft, mit ihrem strahlenden Lächeln sprechen sie von Freiheit, um die Menschen besser in der Sklaverei des Konsums zu halten. Wenn Sie von “Ethik” reden, dann nur deshalb, um ihr dreckiges Geschäft weiter betreiben zu können.

Zurück zum Anfang. Warum ist die Werbung eine Maschine, die die Natur zerstört. Weil sie die Menschen dazu treibt, immer mehr zu konsumieren. Die Werbung dient dazu, falsche Bedürfnisse zu erfinden, um die ständig wachsende Produktion von Dingen weiter anzutreiben. Die Erde kann die Bulimie der reichen Länder nicht weiter ertragen. Die natürlichen Ressourcen werden ausgebeutet, um diese Dinge herzustellen. Daraus werden wieder Abfälle, und die belasten unsere Umwelt ebenso.

Die Berge an Werbebroschüren verstopfen unsere Briefkästen sind eine unnötige Verschwendung. Die Werbetafeln in unserer Landschaft verstoßen häufig gegen das Gesetz, denn die Werber praktizieren im großen Maßstab Wirtschaftskriminalität.

Die Werbung ist eine Maschinerie, die Arbeitsplätze vernichtet. Die Werbung dient Großunternehmen oder multinationalen Firmen und nicht einer Wirtschaft auf menschlichem Maß, die mehr auf die Umwelt achtet und mehr Menschen ein Auskommen bietet. McDonald's zum Beispiel macht Werbung im Gegensatz zu den unabhängigen Restaurants in den Stadtvierteln. Die Verbrauchermarktketten Auchan, WalMart, Leclerc, Carrefour, V-Markt und alle anderen großen machen Werbung. Die Standbesitzer auf den Wochenmärkten können das nicht. Die Werbung dient also einer sehr produktiven Wirtschaft, die nur wenigen Menschen Arbeit bietet. (Man braucht beispielsweise wenig Personal, um ein einen Verbrauchermarkt zu betreiben.) Die Werbung hat der Wirtschaft, die zwar weniger produktiv ist, aber mehr Menschen Beschäftigung bietet, den Krieg erklärt. Die Werbung dient der “Junk-Economie” ebenso wie dem “Junk-Food” Die Werbung ist eine Maschinerie, die Arbeitslosigkeit schafft.

Die Werbung ist eine Maschinerie, die die Demokratie und die Politik zerstört. Die Werbung “kommuniziert” einseitig, das heißt, man kann ihr nicht antworten. Der einzelne hat nicht die Möglichkeit den multinationalen Unternehmen zu widersprechen, die gigantische Summen für Werbung ausgeben. Die Werbung besetzt jeden Raum: Es wird schwierig auf eine Landschaft zu schauen, die frei von Werbung ist. Die Werbung besetzt die Zeit. Sie hämmert ihre Botschaften im Radio ein, sie drängt sich in die Filme im Fernsehen, weil sie sie unterbricht. Sie penetriert auch Kinofilme, denn die Unternehmen zahlen die Produzenten und Regisseure dafür, dass sie ihre Produkte zeigen. Die Werbung erträgt keine Widerrede. Die Werber haben den Begriff “Werbefeind” erfunden, um diejenigen zu bezeichnen, die sich der Werbung entgegen setzen. Die Werbung beschreibt ihre Kritiker als “Griesgram”, “lustfeindlich” als Geisteskranke. Die Werbung stempelt ihre Gegner zu psychisch Kranken ab, so wie es totalitäre Regime tun. Bei einem derartigen Erfolg der Werbung, sind Politiker versucht, die Waffen der Werbung zu benützen. Doch wenn sie so etwas tun, erniedrigen sie sich auf die Stufe von einfachen Produkten. Die Werbung ihrerseits unternimmt alle Anstrengungen, um die politischen Werte dazu zu benützen, dass mehr gekauft wird. Das Ergebnis: Sie macht aus Werten eine Ware. Und das heißt, die Politik zeigt oft eine Werbeideologie. Der politische Diskurs wird ein Diskurs der Werbung.

Die Werbung ist eine Maschinerie, die die Pressefreiheit zerstört. Heute leben die Presse, das Radio, das Fernsehen von der Werbung, die die multinationalen Unternehmen bezahlen, damit sie dort ihre Produkte zur Schau stellen können. Die Folge: Journalisten kritisieren nur in Ausnahmefällen die Werbung oder die Logik der multinationalen Unternehmen. Die Journalisten oder Intellektuellen, die sich dort lang und breit auslassen dürfen, sind diejenigen, die im Sinn dieser Logik arbeiten. Diejenigen, die sich dem entgegensetzen, kommen in den herkömmlichen Medien nicht zu Wort. Warum liest man außer in den bekanntesten Zeitungen keine anderen Artikel mehr? Journalisten der vorherrschenden Medien beschreiben diejenigen als Extremisten, die sich der Werbung entgegensetzen. Somit formt die Werbung Medien zu einem Werbekatalog um, der die freie und unabhängige Presse umbringt.

Die Werbung ist eine Maschinerie, die Kulturen zerstört. Die “Werbekultur” gibt es nicht, die Werbung ist Antikultur. Die Kultur macht uns zu menschlichen Wesen, sie gibt der Welt Leben und Spiritualität. Die Werbung reduziert den Menschen zu einer Verdauungsröhre, deren einziger Sinn es ist zu konsumieren. Die Vielfalt der Kulturen der Welt stört die Werbung in ihrem Wunsch, immer mehr Geld zu verdienen, und das so schnell wie möglich. Die Werbung will also die Kulturen zerstören, indem sie der ganzen Erde standardisierte Produkte und Lebensweisen aufzwingt. Jeder auf unserem Planten muss das Gleiche und davon möglichst viel konsumieren. Die Werbung erträgt keine Völker, die aus der Vielfalt ihrer Kultur Reichtum schöpfen wollen. Die Werbung will keine universelle, sondern eine uniforme Welt schaffen, und zwar indem sie auf trügerische Weise die Unterschiedlichkeit glorifiziert, während sie doch von Gleichmacherei träumt.

Die Werbung ist eine Maschinerie, die die Gesellschaft zerstört. Die Werbung bringt keine Werte voran, die das menschliche Wesen fördern, sondern Antiwerte, die es zerstören. Sie sagt uns, wir sollen alles konsumieren und auf der Stelle all unseren Trieben und Gelüsten nachgeben. Somit erstaunt es nicht, dass es bei derartigen Botschaften in sozialen Problembezirken zum Knall kommt. Je niedriger wir auf der sozialen Leiter stehen, desto stärker bekommen wir die sozialen Konsequenzen der Werbelügen zu spüren. Solange Geld und Konsum die einzigen Werte darstellen, die die Menschen verbinden, wird das Zusammenleben schwierig wird, sei es in der Ehe, der Familie, der Schule, der Arbeit, in unseren Städten, in unserem Land... Auch das erstaunt nicht weiter. Es ist sicher, dass eine Gesellschaft mit den Werten der Werbung nicht sehr weit kommen kann!

Die Werbung ist eine Maschinerie, die die menschliche Persönlichkeit zerstört. Die Werbung will keine Menschen oder Bürger, sie will Konsumenten. Sie reduziert jeden von uns auf einen einzigen Zweck: Konsum. Die Werbung drängt uns zu der irrigen Annahme, dass der einzige Lebenssinn im Konsum liegt.
Die Werbung macht uns zuerst unglücklich, um uns dann etwas zum Kaufen zu bieten, das uns tröstet. So arbeitet die Werbung. Manchmal sagt sie uns ganz klar, häufiger jedoch leise und verstohlen, dass diejenigen, die nicht mit der Logik der Werbung konform gehen, Idioten sind, traurige Menschen, die das Leben nicht lieben, altmodische Typen, beschränkte Dummköpfe, unangepasste Menschen... Um nicht derart lustfeindlich auszusehen, haben wir also Angst, schlecht über die Werbung zu sprechen. So tötet die Werbung unseren kritischen Geist und unsere Fähigkeit “Nein” zu sagen.
Heute kehren einige Werbeleute dieser Branche den Rücken, weil sie sich bewusst sind, welchen Schaden sie bei den Menschen anrichtet. Sie sagen, dass sie nicht ihr ganzes Leben lang solche Halunken sein wollen. Viele Menschen sind jetzt der Ansicht, dass die Werbung etwas Amüsantes ohne weitere Konsequenzen ist. Im Gegenteil, sie führt Katastrophen herbei. Leider können sich genau diese Menschen nicht vorstellen, ohne Werbung zu leben, und das ist der größte Erfolg der Werbung. Was wir brauchen, ist etwas zu essen, ein Dach ├╝ber dem Kopf, Freunde, Familie, doch wir können sehr gut ohne Werbung auskommen. Es liegt sogar in unserem ureigensten Interesse, sie möglichst schnell abzuschaffen, wenn wir unsere Erde nicht vollends zerstören wollen.
Politikerinnen und Politiker, Vereine, Intellektuelle, Bürger kämpfen schon seit langem, um den Einfluss der Werbung in unserer Gesellschaft zurückzudrängen. Diesen Leuten sollte man sich anschließen. Auch wir sind in den Widerstand gegen eine Konsumgesellschaft eingetreten, indem wir die freiwillige Einfachheit praktizieren, indem wir unsere Persönlichkeit und unser inneres Leben kultivieren, indem wir uns in der Politik für das Allgemeinwohl einsetzen.
So bremsen wir diese Maschinerie, die uns zerstört.



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10 Ratschläge für ein Leben ohne Wachstumswahn

Von Casseurs de Pub, französischer anti-Werbung Verein
(Der Text ist eine Übersetzung aus dem Französischen. Teilweise wurde ergänzt - kursiv - und auf deutsche Verhältnisse angepasst.)

1 - Mach dich vom Fernsehen frei

Um dich in deinem Leben aktiv gegen den Wachstumswahn zu stellen, musst du dir zunächst bewusst machen, wie du konditioniert wirst. Das Fernsehen ist der größte Motor dieser Konditionierung. Also heißt es, das Fernsehen loszuwerden. So wie die Konsumgesellschaft den Menschen auf seine ökonomische Dimension reduziert - er ist lediglich Verbraucher - reduziert das Fernsehen die Information auf seine Oberflächlichkeit, das heißt das Bild. Das Fernsehen fördert Passivität und Hörigkeit, das Fernsehen bildet die Persönlichkeit zurück. Dieses Medium verlangt von Natur aus Schnelligkeit, es erträgt weder Diskurse noch tiefer gehendes Reflektieren.
Fernsehgeräte verschmutzen die Umwelt durch ihre Produktion, durch ihren Betrieb und am Schluss durch ihre Entsorgung als Elektroschrott. Hierin gleicht das Fernsehen im Übrigen dem Auto. Statt fernzusehen, wollen wir lieber ein echtes Leben, das heißt, Kreativität, Musik machen, Theater spielen oder Theaterstücke anschauen...
Um uns zu informieren, haben wir die Wahl: Radio (ohne Werbung), Bücher (ohne Werbung), Theater, Kino (ohne Werbung), Vorträge usw. ...

2 - Mach dich vom Auto frei

Das Auto ist viel mehr als ein Gegenstand, es ist das Symbol der Konsumgesellschaft. Zwar verfügen nur etwa 20 Prozent der reichsten Einwohner unseres Planeten über ein Auto, doch trägt es maßgeblich zum ökologischen Selbstmord auf unserer Erde bei, durch die Verschwendung von Rohstoffen, durch die verschiedensten Arten der Umweltweltverschmutzung, durch die Beschleunigung des Treibhauseffekts... Das Auto provoziert Kriege um Erdöl. Der Irakkonflikt ist dafür das aktuellste Beispiel. Das Auto zieht als Konsequenz auch einen Krieg innerhalb der Gesellschaft nach sich: Auf den Straßen Frankreichs stirbt ein Mensch pro Stunde. Das Auto ist eine der ökologischen und gesellschaftlichen Geiseln unserer Zeit.
Wir stellen uns gegen die Hypermobilität. Wir wollen einen Arbeitsplatz in Wohnortnähe, zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren, den Zug oder die öffentlichen Nahverkehrsmittel benützen.

3 - Verzichte auf Flugreisen

Wenn du dich weigerst, das Flugzeug zu nehmen, heißt das, dass du mit der herrschenden Ideologie brichst. Diese Ideologie versucht dir einzureden, dass dieses Verkehrsmittel zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehört. Nichts desto trotz sind weniger als zehn Prozent der Menschen jemals geflogen. Und weniger als ein Prozent benutzen es jedes Jahr. Dieses Prozent ist die herrschende Klasse, das sind die Reichen der reichen Länder. Und die haben die Medien in ihrer Hand. Sie legen die sozialen Normen fest. Auf die transportierte Person bezogen ist das Flugzeug das Verkehrsmittel, das am meisten die Umwelt am meisten verschmutzt. Durch seine extreme Geschwindigkeit verändert es künstlich die Wahrnehmung von großen Entfernungen.
Wir wollen lieber in der Nähe, aber dafür qualitativ besser verreisen - zu Fuß, mit einer Kutsche, auf dem Fahrrad oder mit dem Zug, dem Segelboot oder mit allen anderen Fahrzeugen ohne Motor.

4 - Befreie dich vom Handy

Das gewärtige Wirtschaftssystem erzeugt Bedürfnisse, die später zu Abhängigkeiten werden. Was künstlich ist, wird natürlich. Wie viele Objekte der Konsumgesellschaft ist das Handy ein falsches Bedürfnis, das durch die Werbung künstlich geschaffen wurde. „Mit Ihrem Handy sind Sie stets erreichbar”
Aber die Werbung verschweigt die Abhängigkeit, die das Handy erzeugt. Durch das Handy wird man nicht erreichbar, sondern verfügbar. Verfügbarkeit ist eine Eigenschaft von Sklaven. Handybesitzer müssen immer bereit sein, ihre Pläne kurzfristig zu ändern. Sie leben stets quasi auf Abruf. Darin liegt die Versklavung durch die mobile Kommunikation.
Und letztendlich dient das Handy auch der Kontrolle. Nicht umsonst haben Kinder bis in die Neunziger Jahre mehr Freiheit für eigene Entscheidungen genossen als heute, wo sie am elektronischen Gängelband der Eltern hängen.
Das Handy ist letztendlich genauso überflüssig wie andere Objekte der Konsumgesellschaft, beispielsweise der Mikrowellenherd, das elektrische Küchenmesser, das Navigationsgerät und vieles mehr.
Statt Mobiltelefon wollen wir lieber ein Festnetztelefon, die herkömmliche Post, das persönliche Gespräch, aber vor allem wollen wir aus uns selbst heraus existieren, anstatt die innere Leere mit Dingen anzufüllen.

5 - Boykottiere die großen Verbrauchermärkte und Discounter

Die großen Verbrauchermärkte sind untrennbar mit dem Auto verbunden. Sie entmenschlichen die Arbeit, sie verschmutzen und entstellen die Randlagen der Städte, sie lassen die Innenstädte veröden, sie fördern die Intensivlandwirtschaft, sie bündeln das Kapital usw. ... Die Liste der negativen Auswirkungen wäre zu lang, um sie hier einzeln aufzuzählen.
Was wir stattdessen lieber wollen: zunächst einmal weniger konsumieren, die Selbstversorgung mit Lebensmitteln aus dem eigenen Garten, kleine Geschäfte in Wohnortnähe, Märkte, Erzeugergenossenschaften, Handwerker. Dadurch verbrauchen wir insgesamt weniger und wir können auf Fabrikprodukte verzichten.

6 - Iss weniger Fleisch

Oder noch besser: werde Vegetarier. Die Bedingungen, unter denen Masttiere gehalten werden, offenbaren die ganze Barbarei unserer technisierten, wissenschaftsgläubigen Zivilisation. Die Ernährung mit Fleisch ist darüber hinaus auch aus ökologischer Sicht sehr problematisch. Es ist besser Getreide direkt zu essen, als die landwirtschaftliche Fläche zum Futteranbau für Schlachttiere zu nutzen. Eine vegetarische oder fleischarme Ernährung führt darüber hinaus auch zu einem gesünderen Lebensstil.

7 - Kaufe Produkte aus deiner Region

Wenn man eine Banane aus der Karibik kauft, dann konsumiert man gleichzeitig den Treibstoff, der für den Weg in unsere reichen Länder n&aouml;tig ist. Vor Ort herstellen und konsumieren ist eine Bedingung, um in die Wachstumsrücknahme einzutreten, nicht im egoistischem Sinn, sondern damit jedes Volk seine Fähigkeit zur Selbstversorgung wiederentdeckt. Ein afrikanischer Landwirt, der beispielsweise Kakaobohnen anbaut, um irgendwelche korrupte Diktatoren zu bereichern, lässt auf seinen Feldern keine Nahrungsmittel f&uul;r seine Landsleute wachsen.

8 - Bring dich in die Politik ein

Die Konsumgesellschaft lässt uns die Wahl zwischen Pepsi-Cola und Coca-Cola oder zwischen Jakobs Kaffee und Kaffee aus fairem Handel von Gepa. Sie lässt uns die Wahl des Verbrauchers. Im Markt gibt es kein rechts, keine Mitte und kein links: Für ihn gibt es nur Diktatur des Geldes mit dem Ziel, widerstreitende Debatten oder den Wettstreit der Ideen zu unterbinden. Die Wirklichkeit ist die Wirtschaft: Der Menschen muss sich ihr unterwerfen. Dieser Totalitarismus wird paradoxerweise im Namen der Konsumfreiheit durchgesetzt. Den Status als Verbraucher bewertet man höher als den des Menschen.
Wir wollen uns lieber in die Politik einbringen, und zwar als Individuum, in Vereinen, in Parteien, um gegen die Herrschaft der Unternehmen anzugehen. Die Demokratie fordert einen permanenten Kampf. Sie stirbt, wenn die Bürgern sie aufgegeben. Es ist an der Zeit, ihr die Ideen der Wachstumsrücknahme einzuhauchen.

9 - Fördere deine persönliche Entwicklung

Die Konsumgesellschaft braucht gehorsame und unterwürfige Konsumenten, die keine vollwertigen Menschen mehr sein möchten. Solche Menschen können sich nur durch die Abstumpfung, zum Beispiel vor dem Fernseher, durch so genannte Hobbys oder die Einnahme von Neuroleptika (Fluctin, Prozac und Ähnliches...) am Leben halten.
Die Wachstumsrücknahme hat im Gegensatz dazu die Entfaltung der Gesellschaft und des Menschen als Vorbedingung: Das heißt, dass die Entwicklung des inneren Lebens die eigene Persönlichkeit bereichert. Statt dem Drang nach immer mehr Dingen nachzugeben, verbessere lieber die Beziehung zu dir selbst und zu anderen. Denke daran, die Dinge besitzen ihre Besitzer. Versuche in Frieden und Harmonie mit deiner Umgebung und der Natur zu leben; den eigenen gewaltsamen Impulsen nicht nachzugeben, darin liegt die wahre Kraft.

10 - Setze Wachstumsrücknahme in deinem eigenen Leben um

Ideen sind dafür da, dass sie gelebt werden. Wenn wir nicht fähig sind, sie in die Tat umzusetzen, besteht ihre einzige Aufgabe darin, unser Ego zu erschüttern. Wir müssen alle Kompromisse machen, aber wir versuchen, ein Leben zu führen, das mehr in Übereinstimmung mit den unseren Vorstellungen steht. Das ist das Zeichen für die Glaubwürdigkeit unseres Diskurses. Wenn wir uns verändern, verändert sich die Welt.

Diese Liste ist gewiss nicht vollständig. Es liegt an euch, sie zu ergänzen und zu erweitern. Aber wenn wir nicht versuchen, unser Leben mit unseren Ideen in Einklang zu bringen, können wir am Ende nur noch mit Krokodilstränen die Folgen unseres Lebensstils bedauern. Es gibt gewiss nicht einen „reinen” Lebensstil auf dieser Erde. Wir leben alle mit Kompromissen, und das ist gut so.


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