Wachstumsrücknahme

Was die Kunst angeht...





Veränderung ist eine Kunst: Manifest der Arbeitsgruppe 'Kunst' bei der Vorbereitung des Attac-Kongress "Jenseits des Wachstums"

Kunst ist subversion von Jean-Claude Besson-Girard

Art in the future von Clive Hambidge (Momentan auf Englisch)















Veränderung ist eine Kunst

Unser aktuelles Wirtschaftssystem forciert kulturelle Praktiken und Werteorientierungen, die Menschen krank machen, ihre Lebensgrundlage zerstören und das Ökosystem des Planeten bedrohen. Gleichzeitig lebt unser derzeitiges Wirtschaftsystem von eben diesen kulturellen Praktiken und Wertorientierungen, die es (mit)produziert. Der Wandel hin zu einer Postwachstumsgesellschaft geht also einher mit einem grundlegenden Wandel unserer kulturellen Wertvorstellungen und Handlungsmuster. Künstlerische Artikulationsformen, die potentiell allen Menschen offen stehen und nicht beschränkt sind auf die Arbeit von professionellen KünstlerInnen, können diesen Wandel auf unterschiedlichen Ebenen produktiv begleiten und fördern.

-Künstlerische Artikulationen brechen eingefahrene kulturelle Wahrnehmungsgewohnheiten auf, machen Ungesehenes sichtbar und eröffnen neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes. Sie schaffen so Möglichkeitsräume, Neues und Anderes zu denken und zu fühlen, arbeiten mit an der Kreation neuer kultureller Sinnangebote und eröffnen Menschen die Möglichkeit, sich von dominanten Wahrnehmungs- und Kommunikationsmustern zu befreien.

-Eine zentrale Frage bei der Entwicklung neuer kultureller Praktiken und Wertorientierungen ist die nach dem guten Leben. Künstlerische Artikulationsformen stellen einen Weg dar, sich entsprechend der eigenen Bedürfnisse zu entwickeln. Wir verstehen sie als Teil einer gesellschaftlichen Utopie, in der Menschen sich als Artikulierende, Handelnde und Gestaltende und nicht als Objekte der Artikulationen und Handlungen einer kleinen Elite erleben. Künstlerischer Ausdruck kann in diesem Sinne ein emanzipatorischer Weg zu mehr Selbstbestimmung und zu mehr Lebensqualität über materielle Bedürfnisbefriedigung hinaus sein.

-Der Wandel eigener kultureller Wertvorstellungen und Handlungsmuster ist kein ausschließlich rationaler Prozess. Unsere Lebens- und Denkweisen sind im Laufe einer langen Sozialisationsgeschichte Teil unserer Körper geworden. Das ist ein wichtiger Grund, warum wir zwar häufig viele Dinge wissen, aber deshalb noch nicht danach handeln. Soll es zu grundlegenden Veränderungen unseres Wertesystems kommen, dann muss dieser Wandel von Lernprozessen begleitet werden, in denen der Umgang mit unseren Gefühlen und unserem Körper eine zentrale Rolle spielt. Indem er über das rationale Erfassen hinaus auch eine emotionale Verbindung zu den zu behandelnden Themen herstellt, fördert künstlerischer Ausdruck solche Lernprozesse.

All das führt uns zu der Auffassung, das künstlerische Artikulationsformen bei einem Kongress, der die Frage stellt, wie wir in Zukunft leben wollen, mehr sein müssen als ein exotisches Konsumgut für den ermüdeten Geist am Ende des Tages.
Die Entscheidung, alternativen Kommunikationsformen auf dem Kongress "Jenseits des Wachstums?!" mehr Raum zu geben, als das sonst bei einem politisch-wissenschaftlichen Kongress dieses Formats üblich ist, wertet diese auf, zeigt praktisch, was mit dem Wort "Wertewandel" gemeint sein könnte und macht das Thema des Kongresses erlebbar.
Sie ist ein Schritt in Richtung einer neuen Kommunikationskultur, einer Kultur, welcher ein ganzheitlicheres Bild vom Menschen zugrunde liegt, einer Kultur, die unterschiedliche Formen von Wissensproduktion gleichberechtigt nebeneinander bestehen lässt und in einen Dialog bringt. Ein ganzheitlicheres Menschenbild ist, in Abkehr von immer noch dominanten Diskursen vom homo oeconomicus, zugleich eine notwendige Voraussetzung für neue und inspirierende Antworten auf die Frage, welche Werte es sein könnten, nach denen wir in Zukunft unser Leben ausrichten.


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Kunst ist Subversion


Von Jean-Claude Besson-Girard, Kunstmaler, Autor von Decrescendo cantabile, Petit manuel pour une décroissance harmonique (Parangon Verlag), Direktor von ENTROPIA (Revue d'étude théorique et politique de la décroissance, http://www.entropia-la-revue.org).


Die Idee einer “Wachstumsrücknahme” stellt unseren Glauben radikal in Frage; sie bedeutet ein nicht weniger radikales Umstoßen von dem, was wir unter “Kultur” verstehen.
Es existiert keine menschliche Natur, die von der Kultur, die die Menschheit in der Gesellschaft formt, unabhängig sei. Die Fähigkeit zu symbolisieren ist das Herz einer jeden Kultur. Die kulturelle Vielfalt ist das Symbolische Pendant der biologischen Vielfalt; aber um den Wert der Kultur zu verstehen, sollte ihr Sinn selbstverständlich nicht auf die Produktion und den Konsum von kulturellen Gütern reduziert werden, wie uns der Produktivismus konditioniert zu denken.
Die Kultur ist ein komplexes Ensemble, das Wissen, Glaube, Moral und Gewohnheiten einer Gesellschaft einschließt; die Kunst ist ihr riskantester Teil. Es handelt sich also nicht darum, “die Kunst eine Subversion werden zu lassen” sondern darum, anzuerkennen, dass die Kunst Subversion ist. Sie ist kein dekorativer Zusatz für irgendeine “Lebensverschönerung”. Sie ist die Spur, das Ergebnis der vollkommenen Hingabe derjenigen, die damit dem Ruf der Kunst wie einer Notwendigkeit folgen, manchmal bis zur Lebensgefahr.
Was kann im Angesicht eines Systems, das den_die Künstler_in in uns ausschaltet, getan werden? Ich kann hier nur ein paar Wege schildern und ein paar Haltungen vorschlagen, die eine Entkonditionierung bezüglich des gewohnheitsmäßigen Diskurses über Kunst und Kultur erlauben. So verstehe ich nicht gut, was eine “humanistische Kunst” außerhalb des Sinnes, den sie sich in Europa seit der Renaissance angeeignet hat, bedeuten könnte. Sie hat in anderen Kulturen und Epochen keine signifikante Wirkung. Sie erlaubt uns nicht, die Geburt der Kunst und ebenso wenig die chinesische Malerei, zu erfassen... Jedoch scheint es mir, dass das Eigene der Kunst aller Epochen und Kulturen ist, dass sie Zeuge einer Beziehung zu dem Heiligen ist und dass diese Beziehung das Vorrecht der menschlichen Spezies ist, welche Bewusstsein über ihre Endlichkeit erlangt und sich mit einer besonderen Intensität bei den Dichtern manifestiert. Es drängt, das von der Romantik geerbte Bild des Künstlers, das in außerhalb des oder sogar höher als das gemeinsame Schicksal stellte. Dieser missbräuchliche Anspruch hat nach und nach die Kluft und das Unverständnis zwischen Künstler_in und Gesellschaft geschaffen.

Wenn wir heute verloren sind, ist das grundsätzlich, weil wir der poetischen Dimension unserer Existenzen den Rücken zugekehrt haben. Diese Dimension ist diejenige unserer sinnlichen Beziehungen zum Ganzen des Realen, welches der Grundstoff aller menschlichen Kreation ist... Wir müssen die Kreuzung wiederfinden, an der wir den falschen Weg einschlugen. Dieser Weg führte uns, wie wir jetzt wissen, in die Sackgasse der Wahrnehmung und der Empfindsamkeit, die uns betäubt und wie von unserem essentiellen Teil amputiert lässt... Es ist zu behaupten, dass die Kunst und die Kultur weder auf Nutzen ausgerichtet sind, noch irgendeiner Macht unterworfen sind. Die Kunst und die Kultur erbringen keinen Nutzen, deshalb sind sie für die Würde des menschlichen Zustandes unabdingbar. Sie zeugen von ihrem in jeder Generation erneuerten Rätsel... In aller Bescheidenheit den Dialog mit den leblosen, bewunderungswürdigen Gegenständen als Träger der vergessenen Präsenz derer, die sie schufen wiederfinden... In amouröse Komplizenschaft mit den Naturelementen und alle Lebensformen treten. Kurzum, selbst vollkommen an der Welt sein, um mit den Anderen auf der Welt zu sein... Dann, nach und nach, ist es vielleicht möglich, sich die Einführung von gegenüber der Kunst und der Kultur gleichzeitig wahreren und tieferen Verhaltensweisen vorzustellen.
Dies sind einige der zu erforschenden Wege und aufzuwendenden Einstellungen, um den Sinn der Kunst als das Teilen des menschlichen Zustandes und als Notwendigkeit eines fröhlichen Aufstandes wiederzufinden.


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Art In The Future

von Clive Hambidge


"Let not the sun go down upon your wrath"(1)

Writing in 1919, the great Dutch painter Piet Mondrian said "Modern man - although a unity of body, mind, and soul - exhibits a changed consciousness: every expression of his life has today a different aspect, that is, an aspect more positively abstract."(2) Here, in 1919, the industrialization of humanity was under way. Set against this mechanistic beat, the song of abstraction was rising though liminal as a terrible immolation had just ended. Men of power timed us for another conflagration and another desecration: humanity statistics to be counted, dead or alive; before, during and after the terrible algorithm of war. "Both bad and good, last season's fruit is eaten and the fullfed beast shall kick the empty pail."(3) Life is cheap for men who would fill their pockets by stealing the world! We must limit these men for they plot to constrain us. May be we will do this by " 'doing less', 'being completely quiet', [perhaps] doing nothing [for a while] waking to the act of 'doing itself', its impulse and movements, enabling creative living, the 'Art of Living' to explode into life"(4) and not for weapons of mass destruction to explode as death.

Still, as decades pass, psychology was offering a way out if you could find a way in; for those with enough time on their hands to recognize that they were neurotic but more importantly those who took time, shook it up and formalised space: the artists. Artists were / are deeply involved in self development but decidedly social and political. They know that "The steep path of self-development is... as mournful and gloomy as the path to hell"(5) and "Wholeness is in fact a charisma which one can manufacture neither by art nor by cunning; one can only grow into it and endure whatever its advent may bring."(6) Indeed in the thirties, this self development and social and political awareness was supported by the Roosevelt administration under the penumbra of the "Federal Art Project for the Works Progress Administration" 5000 artists including some of America's greats (Rothko, De Koonig, Pollock), this programme leaving them "Free to follow the dictates of their own talents and wishes"(7). The enduring was to come in the form of the Second World War, and not just for them.

In its aftermath, possibly the greatest political and social statement by an artist of the twentieth century was Picasso's Guernica. This agonised painting, depicting a massacre, some hold the first massacre in the West of a defenceless population in Guernica, mirrors the unconscionable and illegal wars in Iraq and Afghanistan where collateral(8) damage de-humanise those who have died in innocence. In many economic and ecological models for reasons of complexity, the computation for perpetual war is missing! If the military industrial complex is not taken into account, and, as the sophistication of its weaponry and its capacity to destroy grows, and as America and its allies come into areas of confrontation with China, Russia and their allies, an overshoot will not be a problem for there will not be a world to overshoot in.

If a "sustainable society" is a society that "meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs."(9) we have failed the test of our own reasoning; and the immiseration of future generations is certain. If it is they who are we returned then our destructive acts are our destroyed inheritance. Eliot, "We die with the dying: see, they depart, and we go with them. We are born with the dead: see they return, and bring us with them."(10) In a few short years forecast will be reality, and it is not pretty.

By the 1900s when Art was in ferment, and the young prepared to roar through the 1920s, the "doubling time" for the world's population was 100 years(11). The time of exponential growth was upon us, in 2000; for example the "equivalent of nine New York cities" was added to the worlds burgeoning population. Various analyses and projections suggest 8 billion people will be on the surface of a degraded planet by 2030 and their immiseration a most terrible reality. By 2040, models show "over shoot" and collapse thus "Population finally declines because of food shortages and negative health effects from pollution"(12). To "positively abstract" then is now an urgent requirement for all if we are to avoid a projected dystopia and eventual extinction of most life on this glorious planet. There are an "awful lot of us in an awful lot of trouble. "...Such boundless extension of self, analogous to the economics of expansion, crushing the planet, as the mind of man precipitates pollution from within to without, impoverished, he gorges, feasting to satisfy a hunger which knows no limits as the ogre of opportunism separates brother from sister, father from son, nation from nation" and eventually life from humanity(13).

Or has science found a way back to a Hindu supra-physical future in the String Theory and a state to which collective humanity could evoke? Brian Green asserts "With the discovery of super string theory, musical metaphors take on a startling reality, for the theory suggests that the microscopic landscape is suffused with tiny strings whose vibrational patterns orchestrate the evolution of the cosmos"(14). Perhaps we will find even the hearts of the oligarchs, politicians and corporate raiders a string upon which degrowth melodies can be played.

Put more poetically, "Saraswati" the Hindu deity "is the sound-vibrations of the gurgling waters, beating out the rhythms of our subtle and gross feelings; dancing around the emotions of love and sorrow; captured in the expressions of prose and poetry... unparalleled she flows as nectar in our inner being and also as the river across terrestrial hills and plains. Light has taken shape as water."(15) And in "the swing of a pendulum, the notes on a guitar string, waves on the ocean, signals from a radio tower, beats of a heart"(16) Schneider quoting others thinks rightly "participative processes" are "required to deal with the central question of needs motivating actions where degrowth develop a context of possible cooperation"(17). For "When vibrations in two or more systems coincide, they begin to resonate in a way that allows energy to be exchanged between them"(18) perhaps it will be love, or if things go terribly wrong one standing tree "in an arid land would carry in its seed the potency from whose roots all forests of the earth might spring"(19).

Notes

1. Ephesians, 4:26
2. Mondrian's Natural Reality and Abstract Reality essay, originally published as "de nieuwe beelding in de schilderkunst" in De Stijl (Amsterdam, 1919) quoted in Herschel B. Chipp, Theories of Modern Art, University of California Press, Berkeley, p321
3. Michael Roberts ed, The Faber Book of Modern Verse, T. S. Eliot, Little Gidding, Faber and Faber, 1973, p 110
4. Graham Peebles, contemporary artist and Founder, The Create Trust, www.thecreatetrust.org
5. Jung quoted in James H. Austin, Zen and the Brain, Towards an Understanding of Meditation and Consciousness, MIT, Cambridge Massachusetts, 1999. "To round itself out, life calls not for perfection but for completeness; and for this the "thorn in the flesh" is needed, the suffering of defects without which there is no progress and no ascent" as stated by Jung in Psychology and Alchemy, Routeldge, 1993
6. Jung in Psychology and Alchemy, Routeldge, 1993
7. Herschell B. Chipp, Theories of Modern Art, University of California Press, Berkeley, 1969, p458
8. Collateral damage: military euphemism meaning civilian casualties or damage to property, etc... that was not a military target. Now for the real meaning of collateral: descending from the same ancestor through a different line. Definition found in Chambers Dictionary p323
9. 1987 World Commission on Environment and Development's statement quoted in Donella Meadows et al, A Synopsis Limits to Growth The 30 Year Update, Earthscan (United Kingdom and Commonwealth), 2004, p2
10. T. S. Eliot, Little Gidding quoted in Michael Roberts ed, The Faber Book of Modern Verse, T. S. Eliot, Little Gidding, Faber and Faber, 1973, p 114
11. in 1650 it was 240 years
12. Donella Meadows et al, A Synopsis Limits to Growth The 30 Year Update, Earthscan (United Kingdom and Commonwealth), 2004, pp9-10
13. Graham Peebles contemporary artist and Founder, The Create Trust, www.thecreatetrust.org
14. Brian R. Green, The Elegant Universe, Random House, 1999, p135. As advocated by Fritjof Capra the problems facing us all "are systemic... which means... they are closely interconnected and interdependent. They cannot be understood within [a] fragmented methodology... A resolution can be found only if the web is itself changed... invol[ing] profound transformation s of our social institutions, values and ideas" quoted in Capra's The Turning Point, science, society and the rising culture, Fontana Publishing, 1982, p6. "However valuable, the preponderance of the Scientific Revolution and associated social models, having assigned machine like mechanistic functionality to universe and humans aiming to verify, quantify and measure all outcome, has only managed to account for an incomplete and therefore partial understanding of the world and humans, one based on control" quote by Soraya Boyd Founder and CEO Facilitate Global, www.facilitateglobal.org. R. D. Laing presciently remarked "Out go sight, sound, taste, touch and smell and along with them has since gone aesthetics and ethical sensibility, values, quality, form; all feelings, motives, intentions, soul, consciousness, spirit. Experience as such is cast out of the realm of scientific discourse" quoted in Fritjof Capra, The Turning Point, science, society and the rising culture, Fontana Publishing , 1982, p40.
15. Swami Nirmalananda, Hindu Gods and Goddesses, Linobyte Calcutta, 1998, p32
16. John E. Nelson, Healing The Split, 1994, State University Press, Albany, p157
17. Francois Schneider, Macroscopic rebound effect as argument for economic degrowth, Degrowth Paris, April 2008 paper, p11 www.degrowth.net, http://eevents.it-sudparis.eu/degrowthconference/themes/1First%20panels/Backgrounds/Schneider%20F%20Degrowth%20april2008%20paper.pdf. Also see Rosenberg 2001, Wallenborn 2008 in Schneider's 2008 Paris paper
18. John E. Nelson, Healing The Split, 1994, State University Press, Albany, p157
19. Oskar Kokoschka, On The Nature of Visions, 1912, quoted in Herschel B. Chipp, Theories of Modern Art, University of California Press, Berkeley, 1969, p172


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