Wachstumsrücknahme

Wachstumsrücknahme und Süd



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Das Buen Vivir - Eine Alternative auch für Europa? Das neue Webangebot der Attac-AG Lateinamerika zum Konzept des "Buen Vivir"

Auf der Suche nach dem Bruttonationalglück von Elian Ehrenreich, Spiegel Online, 25. Januar 2010

Besser gut leben als besser leben von Sebastian Schoepp, Süddeutsche Zeitung, 11. Januar 2010

Die Herausforderung der Wachstumsrücknahme für den Süden von Serge Latouche


Über die Plüderung der Länder des Südens...

Wer die Armut beenden will, muss nicht mehr geben, sondern weniger nehmen von Vandana Shiva

Ausbeutung der Länder des Südens von Nicholas Ridoux







Ausbeutung der Länder des Südens

Nicolas Ridoux, in "La décroissance pour tous", S. 13 bis 15.

Der gegenwärtige Lebensstandard der Länder des Nordens ist nur durch die Plünderung der Länder des Südens möglich. Diese Ausbeutung, dieser zeitgenössische Kolonialismus, ist außerhalb von Spezialisten- oder Aktivistenkreisen wenig bekannt, kann aber durch zahlreiche Beispiele belegt werden.

An dieser Stelle werden drei Beispiele für diese Ausbeutung genannt, die uns helfen werden, die Mechanismen zu verstehen, auf die sich die Herstellung von Alltagsgegenständen stützt.

a) Coltan (Colombo-Tantale Columbit Tantalit) ist ein für die Herstellung von Handys notwendiges Erz, das zu 80% von der Republik Kongo geliefert wird. Ein Bericht der Vereinten Nationen zeigt, dass die ruandische Armee durch die Plünderung des Kongos 250 Millionen Dollar innerhalb von weniger als 18 Monaten gewonnen haben. Das gleiche gilt für die Streitkräfte von Uganda und Burundi. Die Erzbestellungen der Länder des Nordens tragen zum lokalen Bürgerkrieg bei. Außerdem sind alle Coltan-Minenarbeiter ehemalige Bauern und man kann befürchten, dass die agrarische Fertigkeit und Wissen verloren gehen, und dass sich die Frage der Wiedereingliederung und des Überlebens im Alltag diesen Leuten schmerzhaft stellt, wenn dieses westliche finanzielle Manna aufhören würde. Schließlich bleibt diese wahnsinnige Ausbeutung des Kongos auch nicht ohne Konsequenzen für das Leben der Gorillas der Region, was aber angesichts der vorher beschriebenen Grauen wie eine Kleinigkeit erscheint. Schlussfolgerung: unsere Handykäufe finanzieren den Krieg im Süden.

b) Erdöl: ohne die eindeutigen und tragischen Beispiele des Kriegs im Irak zu wiederholen, die sich in unseren Medien ausbreiten, hier was man im Elf-Prozess hören konnte: "Elf wurde gegründet, um auf Umwegen, mithilfe des Erdöls, Algerien und die Negerkönige unter französischen Einfluss zu halten. Bei den Algeriern ging die Strategie nicht auf. Mit den Negerkö:nigen geht es weiter.", erklärte der Ex-Präsident von Elf im Gerichtshof (Juni 2003). In "Billets d'Afrique" geht Odile Tobner [Präsidentin des französischen Vereins Survie] noch weiter: "Die Affäre Elf, die in der afrikanischen Geschichte als eine Art abgebrochenes Watergate in Erinnerung bleiben wird, war tatsächlich das Symptom einer Krankheit, die das Herz Afrikas berührte. &U¨berall, wo es nach Erdöl riecht, findet immer ein Krieg statt, ein blutiger Krieg oder ein versteckter Krieg des Elends. Vom Sudan, zum Tschad, Kongo, bis nach Angola, durch Algerien und Nigeria, die Konflikte, hinter der Maske des "Ethnizismus" und der Religion, haben kein anderes Ziel als die Kontrolle der Erdölstandorte." Schlussfolgerung: das Volltanken finanziert den Krieg im Süden.

c) Atomkraft: in Frankreich haben wir mit der Atomkraft eine sogenannte Energieunabhängigkeit gewählt. Unabhängigkeit zwar vom Erdöl, aber wer weiß, dass 100% des Urans, das wir in unseren Atomkraftwerken benutzen, importiert wurde? Es handelt sich also um eine sehr relative Unabhängigkeit, die in Wirklichkeit auf dem Abbau von Erzen im Süden basiert ist.

Diese Beispiele illustrieren gut die Art, in der die Wirtschaften des Nordens von der Ausbeutung der Ressourcen des Südens abhängig sind. Sie zeigen an welchem Punkt unsere Einkäufe bestimmte Katastrophen in den Entwicklungsländern schaffen und erhalten. (Ein letztes Beispiel: Der Import von exotischem Holz nach Frankreich - ein Viertel davon sind öffentliche Bestellungen - ist an erster Stelle für die Zerstörung der tropischen Wälder von Westafrika verantwortlich.)
Eine humanitärer Einsatz ist manchmal die beste Antwort auf eine Katastrophe im Süden, aber viele Krisen würden einfach nicht existieren, wenn wir alle Konsequenzen unserer Alltagseinkäufe ermessen und sie dementsprechend mäßigen würden. Das Humanitäre ist eine Form von Barmherzigkeit, aber diese darf uns nicht zufrieden stellen: wir müssen eine Gleichheits-, Gerechtigkeitsforderung anvisieren. Prävention (Gleichheit, Gerechtigkeit) ist der (Krankheits-)Behandlung (Barmherzigkeit) immer vorzuziehen.


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Die Herausforderung der Wachstumsrücknahme für den Süden

Serge Latouche, in „Petit Traité de la Décroissance sereine”, S. 90 bis 94.

„Die Idee der Wachstumsrücknahme wurde - paradoxerweise - gewissermaßen im Süden, vor allem in Afrika, geboren. Der Plan für eine autonome und sparsame Gesellschaft ist im Zuge der Entwicklungskritik aufgetaucht.

Seit mehr als vierzig Jahren analysiert und prangert eine kleine „Internationale” der Gegen- oder Postentwicklung die Untaten der Entwicklung in Afrika an, von Boumédiènes Algerien bis zu Nyereres Tansania.

Diese Entwicklung, die nicht nur kapitalistisch oder ultra-liberalistisch ist, wie in der Elfenbeinküste, sondern offiziell „sozialistisch”, „partizipativ”, „endogen”, „eigenständig”, „populär und solidarisch”, wurde genauso oft von humanistischen NGOs unterstützt. Trotz einiger bedeutender Mikrorealisierungen war der Zusammenbruch massiv, und das Unternehmen, das zur Selbstverwirklichung jedes Menschen und aller Menschen führen sollte, ist in die Korruption, die Zusammenhanglosigkeit und die Strukturanpassungsprogramme, welche die Armut in Elend verwandelt haben, untergegangen.

Die für den Süden bestimmte Kritik, führt in die historische Alternative, das heißt die Selbstorganisierung von einheimischer Gesellschaften und Wirtschaften. Natürlich interessierten sich diese Analysen auch für die alternativen Initiativen im Norden, wie die Tauschringe, REPAS (französische Réseaux d'Echange de Pratiques Alternatives et Solidaires, Netz von alternativen und solidarischen Praktiken), „Banque del tempo” (italienische Dienst-/Hilfenaustausch unter Personen), Kooperativen, etc., aber nicht für eine Gesellschaftsalternative im Einzelnen. Wegen der Umweltkrise und der Globalisierung hat der unerwartete und sehr relative Erfolg dieser lang ignorierten Kritik dazu geführt, die Folgen für die Wirtschaft und Gesellschaft des Nordens näher zu untersuchen. Die Farce der „nachhaltigen Entwicklung” trifft den Norden genauso wie den Süden, die Gefahren des Wachstums sind von nun an global. So ist die Idee der Wachstumsrücknahme geboren.

Für Afrika ist die Verminderung des Fußabdrucks (und auch des BIP) nicht nötig, und auch nicht wünschenswert. Aber man darf daraus nicht schließen, dass man dort eine Gesellschaft des Wachstums aufbauen muss. Die Wachstumsrücknahme betrifft die Gesellschaften des Südens insoweit, als dass sie dabei sind, Wirtschaften aufzubauen, die nach Wachstum streben. Es sollte vermieden werden, dass sie sich in diese Sackgasse begeben, (in die sie dieses Abenteuer führt). Weit davon entfernt, die informelle Wirtschaft undifferenziert zu loben, denken wir, dass die Gesellschaften des Südens, wenn es nicht schon zu spät ist, sich von den Hindernissen, die auf ihrem Weg liegen, freimachen könnten, um anders Erfüllung zu finden.

Zunächst einmal ist klar, dass die Wachstumsrücknahme im Norden eine Bedingung für das Aufkeimen jeglicher Form von Alternative im Süden ist. So lange wie Äthiopien und Somalia verurteilt sein werden, in der stärksten Hungersnot, Nahrungsmittel für unsere Haustiere zu exportieren, so lange wir unser Schlachtvieh mit Sojafutterkuchen füttern, die durch Brandrodungen der Amazonaswälder erzeugt werden, werden wir alle Versuche einer richtige Autonomie im Süd ersticken.

Die Wachstumsrücknahme auf der Südhalbkugel zu wagen, bedeutet, zu versuchen, den positiven Kreislauf der acht „R”1 in Gang zu setzen. Der die Wachstumsrücknahme einleitende Kreislauf könnte sich gleichzeitig mit anderen alternativen und komplementären „R”s organisieren - wie Brechen (Rompre), wiederanknüpfen (Renouer), wiederfinden (Retrouver), wiedereinleiten (Réintroduire), wiedererlangen (Récupérer), u.s.w. Brechen mit der wirtschaftlichen und kulturellen Abhängigkeit mit dem Norden. Wiederanknüpfen an eine Geschichte, die durch Kolonisierung, Entwicklung und Globalisierung abgebrochen wurde. Eine eigene kulturelle Identität wieder finden und sich aneignen. Die vergessenen oder aufgegebenen spezifischen Produkte und die „antiwirtschaftlichen” Werte, die mit der Vergangenheit dieser Länder verbunden sind, wiedereinführen. Die traditionelle Fertigkeiten und Fähigkeiten wiedererlangen.

Im Februar 2007, im Emmaüs Zentrum von Tohue, in der Nähe von Cotonou, organisierte die italienische NGO Chiama l'Africa mit einigen beninischen Intellektuellen eine Debatte über das Thema „Armut und Wachstumsrücknahme”. Bei diesem Treffen um Albert Tévoédjré konnte eine Bilanz über das afrikanische Paradox in Bezug auf diese Frage gezogen werden.

Wer erinnert sich noch an Albert Tévoédjré? 1978, veröffentlichte er, auf Ivan Illichs Anraten, La pauvreté, richesse des peuples, (Armut, der Reichtum der Völker). Es war ein erfolgreiches Buch, ein Vorläufer der Ideen der Wachstumsrücknahme. Darin kritisierte er die Sinnlosigkeit der kulturellen und industriellen Nachahmung, lobte die in der afrikanischen Tradition verankerte Mäßigkeit, prangerte die Maßlosigkeit der Wachstumsgesellschaft, mit ihrer absichtlichen Bildung falscher Bedürfnisse, ihrer durch die Dominierung der Geldbeziehungen und Umweltzerstörungen geschafften Enthumanisierung, an. Er schlug schließlich eine Rückkehr zur dörflichen Selbstproduktion vor.

Mit 85 Jahren, total fit, hat der Mann keine seiner Ideen geleugnet, aber diese interessieren in Afrika niemanden mehr. (...)” 


1- „réévaluer, re-conceptualiser, restructurer, redistribuer, re-localiser, réduire, réutiliser, recycler” : neubewerten , wieder konzeptualisieren, umstrukturieren, umverteilen, wieder lokalisieren, reduzieren, wieder verwenden, wieder verwerten. Zit. Op. S. 56


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